Kritik um Wilhelm Raabe. Aktuelle und vergangene Rezeptionen über einen Braunschweiger Schriftsteller

Von Sebastian Besgen und Julia Saatz

 

 

Es ist ein Streit zwischen Literaturkennern, den die Feuilletonleser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 2004 verfolgten. Auf der einen Seite steht die Meinung des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki („Literatur ohne Verfallsdatum“, FAZ vom 21. Februar 2004). Die Gegenposition vertritt Gerd Biegel („Wilhelm Raabe Aktuell“, FAZ vom 19. März 2004), Direktor des Braunschweiger Landesmuseums und Präsident der Gesellschaft, die sich gerade mit dem Protagonisten der Kontroverse beschäftigt – dem Braunschweiger Schriftsteller Wilhelm Raabe.

 

„Überholt und als Literat zu vernachlässigen“, prallt gegen „Aktualität der Aussagen und Themen in Raabes Werken“. Die heutigen Leser außerhalb des Braunschweiger Landes mögen wohl eher eine ablehnende Position gegenüber Raabe – besonders in der Diskussion um dessen Antisemitismus – einnehmen. Doch über den Dichter wird nicht erst seit 2004 diskutiert. Der Diskurs ist beinahe so alt wie der Dichter selbst.

 

Horst Denkler beschreibt in „Neues über Wilhelm Raabe“ das vielfältige Lob, das dem Schriftsteller zuteil wurde, genauso wie die Kritik an Raabe. (Der Titel ist übrigens eine bewusste Anlehnung an einen Artikel der Frankfurter Zeitung vom 28. August 1912. Dieser wollte Denkler zufolge „Meinungen zurechtrücken, die den Schriftsteller ins Monumentale zu stilisieren begannen.“) Die verherrlichenden Titel Raabes als „echte[r] Dichter von Gottes Gnaden“, „Leitstern“, „Seher“ oder „greise[r] Dichterfürst“ standen im Gegensatz zu den Kritiken, die ihn als „lebendigen Anachronismus“ – sowohl literarisch als auch politisch – bezeichneten. Die schon kurz nach seinem Tode (am 15. November 1910) zwischen den Weltkriegen aufkommenden Bezeichnungen als „deutschesten Dichter“, „treuen Eckhart seines Volkes“ und „Seher der deutschen Notwendigkeiten“ prägten und prägen das Bild des Literaten. Besonders die Nationalsozialisten versuchten Raabe und sein Werk für ihre Zwecke einzubinden. Dem stellten sich aber „besonnene Zeitgenossen wie Heinrich Spiero oder Wolfgang Drews [entgegen], indem sie ihn als ‚liberalen Politiker’ mit ‚konservativer Empfindung’ […] beschrieben“. (Denkler) Die Politisierung Raabes gipfelte in der Stiftung des Raabe-Preises (seit 1936), der als ‚Volkspreis für deutsche Dichtung’ (nach Denkler) verliehen wurde. Diese Funktionalisierung erschwert den Zugang zu einem Literaten, dessen Werke wie jedes andere auch im Hinblick auf dessen Entstehungszeit gelesen werden sollte. So forderten es schon „Romano Guardini und Georg Lukács in den dreißiger und vierziger Jahren“ (Denkler). Dabei könnte gerade heute die Einsicht in Raabes umfangreichen Nachlass (man bedenke nur die Tagebücher vom 1.10.1857 bis zum 2.11.1910) zu einer raschen Rehabilitation des Schriftstellers seitens der Forschung erfolgen, die beispielsweise zu einer (für Denkler) notwendigen Überarbeitung der historisch-kritischen Ausgabe führen könnte.

 

Dass Raabe heutzutage bereits in der Meinung vieler „rehabiliert“ ist, zeigt der Preis selbst. Er ist heute - nach einem „literarische[n] Tingeltangel“ (Denkler) - positiv belegt. Z. B. erhielten ihn Max Frisch 1954 und Walter Kempowski 1972.

 

Die Auseinandersetzung mit Wilhelm Raabe ist keine provinzialische Kleinkrämerei. Einen überregionalen Anspruch erhebt z. B. das Museum im Geburtshaus Wilhelm Raabes in Eschershausen. „Es will keineswegs die Erinnerungskultur eines ‚niedersächsischen Heimatdichters’ pflegen, sondern – wie Raabe selbst betonte – einen ‚deutschen Dichter’ von Rang und dessen Aktualität im 21. Jahrhundert vermitteln und zur Lektüre seiner Werke anregen.“ (Biegel)

 

Aber auch Braunschweig kann sich in besonderem Maße Heimat der Raabe-Gedenkkultur nennen. Das bewies bereits der Vortrag Biegels 2005 in Eschershausen. Er trug den passenden Titel „Denk-mal an Raabe“. Dabei gehe es vor allem darum, die Erinnerung an Wilhelm Raabe im Alltag zu verankern. Die Präsenz ist immerhin durch die vielen Denkmäler, Straßen- und Gebäudebenennungen gegeben. Doch wie viele die Neugierde wirklich freiwillig auf den von Biegel genannten „Raabe-Wanderweg“ zu schicken vermag, sei dahingestellt.

 

Selbst wenn von Verehrern immer wieder betont wird, dass seine schriftstellerische Qualität der von Fontane gleicht, ist die Bedeutung, die Raabe als Person und Schriftsteller beigemessen wird, doch regional begrenzt, zumindest in ihrem braunschweigischen Ausmaß.

 

Sollte mehr dahinter stecken als eine Stadt, die sich mit dem Erfolg einer bekannten Persönlichkeit schmücken möchte, die ihr mit der Ortswahl des Wohnens und Sterbens eine Ehre erwiesen hat, dann muss nach den Inhalten gefragt werden, für die diese Persönlichkeit eigentlich geehrt wird.

 

Deshalb ist es von Nutzen, auch auf Raabe als Vertreter des literarischen Realismus’ einzugehen. Nicht als einziger, aber eben anders als die anderen ist Raabe in seinen Werken auf Probleme seiner Zeit eingegangen. Dass die Zeit selbst zum Problem wird, verdeutlicht „Pfisters Mühle“, wo der Mensch als Fixpunkt innerhalb des Wandels an der Zeitenwende scheitert. Aufgrund des Sinnverlustes entwickelt er ein Krisenbewusstsein. Mit ihm ist der Mensch als solcher die einzige Konstante in der Geschichte, welche durch das menschliche Erleben überhaupt erst wird. Um diese Theorie darzustellen, in der sich die Zeit als Spirale um den unwandelbaren Menschen wickelt, macht es Raabe auch nichts aus, eigentlich unrealistische Stilmittel wie den Zeitsprung zu gebrauchen, der ihn von anderen Realisten unterscheidet.

 

Aber nicht nur die Widerspiegelung des Zeitgeists von Pessimismus und Verlust, sondern auch die gerade heute wieder so aktuelle Problemstellung der „Grünen Lesart“ lassen die Frage aufkommen, warum nicht auch anderswo die Bedeutung von Wilhelm Raabes Werken erkannt wurde, zumal Umweltverschmutzung durch die zunehmende Industrialisierung des 19. Jahrhunderts kein braunschweigisches und bestimmt kein allein deutsches Problem darstellte.

 

So kann denn der Raabe-Leser froh sein, dass der bedeutendste Realist neben Fontane und Storm (Biegel, Thomas Köster) wenigstens in Braunschweig seine wohlverdienten Ehrungen erhält.

 

Doch gerechterweise muss erwähnt werden, dass der Dichter auch außerhalb Deutschlands wahrgenommen wird. Der internationale Durchbruch mag Raabe nun knapp hundert Jahre nach seinem Tod gelingen. Ein Beleg ist die Übersetzung des „Stopfkuchen“ ins Japanische. Vielleicht haben uns die Japaner sogar etwas voraus: den Reiz, Raabe in einer freien, ungezwungenen und vorurteilsfreien Lesart seiner Werke neu zu entdecken, zu betrachten und zu bewerten. Eine ähnliche Sichtweise fand sich in einer Rezension der Frankfurter Zeitung von 1894: „Solchen Lesern, welchen es einen gewissen Reiz bietet, selbst mit- oder nachschaffen zu müssen, welche die Stoffe, die der Autor nur andeutet, gern weiter ausspinnen, solchen also, die zwischen den Zeilen zu lesen verstehen, wird Raabe Manches zu sagen haben.“ (nach Denkler).

 

Um 1889 versuchte man „eine handgeschriebene Verehrer-Zeitschrift mit dem Titel Die ‚Sperlingsgasse’ ohne Zuhilfenahme technischer Reproduktionsmittel herzustellen bzw. die schönsten Gedichte Raabes vom Deutschen ins Englische zu übersetzen und sie zu ‚pietätvoller Erinnerung’ an den Dichter doppelsprachig von einem Braunschweiger Verlag drucken und vertreiben zu lassen.“ (Denkler).

 

Damit dürfte unseres Erachtens allerdings kaum der Anspruch erhoben worden sein, dass Raabes Poesie in der ganzen (englischsprachigen) Welt bekannt werden sollte. Vielmehr galt England im Kaiserreich als das Idealbild eines Staates, dem es nachzueifern galt. In gebildeten Kreisen verstand und sprach man Englisch und pflegte Kontakte und Geschäftsbeziehungen zum Vereinigten Königreich. Die Gegenüberstellung hoher deutscher Dichtkunst, die man Raabe zumaß, mit der Sprache der maßgebenden Weltmacht (zzgl. den USA) war also nicht nur zum Vertrieb der Schriften in ausländische Gelehrtenkreise gedacht, sondern ist auch ein erfüllter Anspruch an Raabes Werke um seiner selbst.

 

Schon zu Lebzeiten entstand ein regelrechter Kult um Wilhelm Raabe und im Besonderen als sich das Leben des Literaten offensichtlich dem Ende zuneigte. So wurden „Wallfahrten“ inszeniert, um noch einen „Blicke aus seinem treuen Auge zu trinken“ (Denkler). Nach seinem 80. Geburtstag am 8. September 1910 erhielt Raabe viele öffentliche Ehrungen, z. B. die Ehrenmitgliedschaft des Niedersachsentages (mitgeteilt am 11. Oktober) und die Ehrendoktorwürde der Universität Berlin, die Urkunde dafür wurde am 22. Oktober übergeben (Kurt Hoffmeister). Zeitgenössische Künstler fertigten Gemälde und Büsten, wie z. B. Hermann Siedentop (1864-1943) und Ernst Müller aus Charlottenburg. „Raabe selbst fand sich wohl eher mit den künstlerischen Arbeiten ab, in der Erkenntnis, daß seine immer etwas prekäre Situation als anerkannter Schriftsteller durchaus Stütze und Publizität erfahren konnte.“ (Biegel).

 

Allzu oft glitt der künstlerische Anspruch in die Vermarktung von Kitsch ab. Eine Postkarte des Braunschweiger Weinhändlers Gustav Herbst trägt die Aufschrift „Gruss aus Herbst’s Weinstube“ und sie zeigt „Raabe und seine Zechgenossen August Hermann und Otto Tellgmann beim Weinkonsum in der sogenannten ‚Raaben Ecke’“ (Denkler, Hoffmeister). Postkarten, Bilder, Porträts, Prospekte, Medaillen, Statuetten, Raabesprüche in Reklame, Anzeigen, Kalendern und auf Lesezeichen gehörten ebenso zum handelsüblichen Nippes wie die von Heinrich Stegmann (aus den Sorten Perle d’or und Marie van Houtte) gekreuzte Polyantha-Rose, die den (Bei-) Namen Wilhelm Raabes trug. Zusätzlich zu den Vertonungen seiner Gedichte (Nach Denkler wurden 25 Gedichte bis 1931 vertont.), waren es außerdem Briefe, Bittschriften und Anfragen, die den Schriftsteller ehrten und überhäuften. Neben gewöhnlichen Ehrerbietungen kamen Bitten um Raabes Paten- oder Schirmherrschaften für Kinder und Ehen. Doch mit zunehmendem Alter Raabes vermehrten sich auch die Bitten um Geld und Unterstützung, da ihm „zugetraut [wurde], er könne Stellen vermitteln, Stipendien verschaffen, Pensionen erwirken“ u. ä.. (Denkler).

 

1906 behauptete gar das Berliner Tageblatt von Raabe, „wo er kann, gibt er gern“. Doch im selben Jahr „stellte ein enttäuschter Bittsteller Raabes ‚Humanitätssinn’ in Frage“, indem er ihn „als bloßen Reklametrick“ bezeichnete (Denkler). Allerdings half Raabe in erster Linie bei „Anliegen und Personen […], denen er sich persönlich verpflichtet wußte – wie etwa dem Tierschutz, dem Deutschtum im Ausland, dem ihm wohlgesonnenen Kritiker Adolf Stern.“ (Denkler).

 

Auch wenn der reale Bezug Raabes zur „Welt“, also zum Ausland, so gut wie nicht vorhanden ist, kann Internationales doch wenigstens in einigen von Raabes Werken gefunden werden. Zumindest dort, wo sie Episoden der Weltgeschichte behandeln. Die Schlacht bei Hastenbeck (Siebenjähriger Krieg) wird in der Erzählung „Das Odfeld“ thematisiert. Darin sprach Raabe zu Beginn: „So ist es also das Schicksal Deutschlands immer gewesen, daß seine Bewohner, durch das Gefühl ihrer Tapferkeit hingerissen, an allen Kriegen teilnahmen; oder daß es selbst der Schauplatz blutiger Auftritte war. Daß, wenn über die Grenzen am Oronoco Zwist entstand, er in Deutschland mußte ausgemacht, Canada auf unserm Boden erobert werden. - Holzmindisches Wochenblatt, 45. Stück, den 10. November 1787“. Das Zitat ist eine Anlehnung an die Rede eines englischen Parlamentsabgeordneten, der sich über die Bedeutung von Hastenbeck äußerte. Infolge der Schlacht hatten die Franzosen Schwierigkeiten Nachschub in die Kolonien Nordamerikas und Südostasiens zu schaffen, weswegen auf lange Sicht diese Gebiete an England fielen (nach Biegel). Dieses universalgeschichtliche Ereignis fand bei Raabe somit in „Das Odfeld“ und „Hastenbeck“ seine literarische Würdigung.

 

Allein die Relevanz der Themen zeigt, dass Raabe allemal einen Autor verkörpert, der es wert ist, gelesen zu werden. Auch für Biegel ist dies das Wichtigste: Der Neugierige „entdeckt Raabe beim Lesen und befriedigt so seine Neugier!“ (Biegel).

 

Festzuhalten bleibt: Die Beschäftigung mit Wilhelm Raabe und seinem Werk ist eine lohnenswerte Aufgabe, auch außerhalb Braunschweigs und der Internationalen Raabe-Gesellschaft. Die Fülle an Material aus seinem Nachlass lassen hoffen auf weitere spannende Publikationen, Diskussionen und Kontroversen rund um den Schriftsteller, der anlässlich der Kritiken zu seiner Zeit in Stuttgart vermerkte: „Für die Kritik wie sie [sich] jetzt manifestiert, bin ich todt und freue mich darüber“.

 

 Das von Wilhelm Raabe gemalte Ölbild „Das Odfeld“ trägt denselben Namen wie eines seiner Werke. Es hängt heute im Geburtshaus Raabes in Eschershausen.