Braunschweiger Truppen im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg.

von Hasso Lancelle

 

 

In strömendem Regen, noch bei völliger Dunkelheit, ertönen Trommeln, es wimmelt von feldmarschmäßig ausgerüsteten Truppen, Pferdegetrappel, lange Kolonnen Troß, Flüche und Befehle – schon wieder Krieg? Ein Augenzeuge berichtet über die Nacht vom 22.Februar 1776: (Staatsarchiv Wolfenbüttel)

 

„Den 22ten Frühe war es, als die erste Division der Hochfürstl. Braunschweig.. Truppen unter dem Befehl des Obrist von Riedesel aus Wolfenbüttel abmarschierte, und bestand:

Aus dem Dragoner Regiment, welches der Obrist Lieut. Baum commandirte--276 Mann

Aus dem Regiment Prinz Friedrich commandirt von d,. Obrist Lieut.Praetorius-- 680 Mann

Aus dem Regiment v.Riedesel, commandirt von dem ObristLieut. v.Speth --680 Mann

Aus dem General Staabe--22 Mann

Aus dem combinirten Grenadier Bataillon, welches der Obrist Lieut. Breymann

commandirte und aus Braunschweig ausmarschirte--564 Mann

Summa 2222 Mann"

 

Diesen Morgen wurde um 6 Uhr Generalmarsch, und um halb 7 Uhr Vergatterung geschlagen, das Dragoner Regiment versammelte sich auf der breiten Herzog Straße, das Regiment Prinz Friedrich stieß mit seinem rechten Flügel auf das Dragoner Regiment, und das Regiment v. Riedesel hatte sich auf dem Holzmarkt versammelt. Es war 7 Uhr vorbey, als rechts abmarschirt wurde. Der Obrist v.Riedesel, welcher das Dragoner Regiment selbst commandirte, ließ alle Regimenter vor sich vorbey marschiren. Der Marsch ging aus dem, Herzog Thore. Die Bagage dieses Corps war auf dem Markte aufgefahren, und folgte den Regimentern in der Ordnung wie selbige marschirten, die von General Raabe machte à la Tète. Die Arrigier-Garde bestand aus einem Officer , 3 Unterofficere und 30 Mann, diese schloß hinter der Bagage, und hatte Befehl alles zu arretiren, was austreten würde. Alle Kranken, welche möglichst transportirt werden konnten, wurden auf Wagens mitgenommen, wir hatten 10 Mann, die gefahren werden mußten. Sie marschirten den sogenannten alten braunschwg., Weg durch kleinen Stöckheim nach Melverode, der Weg war sehr schlecht, weil es viel geregnet hatte“

 

Im Siebenjährigen Krieg war Wolfenbüttel von den Franzosen erobert, und Braunschweig belagert. Ferdinand von Braunschweig, preußischer General, entsetzte Braunschweig und befreite Wolfenbüttel. Seit 1730 waren die Braunschweiger Herzöge eng mit Preußen verbunden. und dienten in der preußischen Armee. Unter den deutschen Fürsten wurden merkwürdige Tauschgeschäfte getätigt: Friedrich Wilhelm, König von Preußen sammelte „Lange Kerls“, August der Starke, Kurfürst von Sachsen u.a. chinesische Vasen. Man tauschte einfach 600 Dragoner gegen 152 Vasen. Ein großer Teil der Vasen befindet sich noch heute in Dresden, ein Teil in Potsdam. Die 600 Vasen-Dragoner wurden nach dem Tode Friedrich Wilhelms nach Kanada verkauft. Die Fürstenhäuser wa-ren verwandtschaftlich eng miteinander verflochten: Carl I., Erbprinz von Braunschweig, heiratete die Schwester des preußischen Königs, dieser eine Braunschweiger Prinzessin. Das Herzogtum hatte Frieden mit seinen Nachbarn, wohin zog dann das Heeresaufgebot ohne die gewohnte Reiterei? Schließlich wächst ein Gerücht und bestätigt sich: In Eilmärschen erreicht man Stade und schifft die Truppen ein. Wohin geht es? Auf den Kriegspfad in Kanada!

 

Zum Ende des Siebenjährigen Krieges, 1763, war Kanada an die englische Krone gefallen. Im gleichen Jahr gab es einen großen Irokesenaufstand. England mußte zusätzlich 7000 Soldaten zum Schutz der Kolonisten schicken. Sondersteuern führten zu einem Aufstand der Kolonisten. Weitere Truppenverstärkungen sollten den Aufstand niederschlagen. Georg III., König von Großbritannien und Kurfürst von Hannover in Personalunion, bat seine Braunschweiger Vettern um Gestellung eines Hilfskorps von 4300 Mann. Mit den ausgehandelten Subsidien ließ sich nicht nur der drohende Staatsbankrott vermeiden, sondern versprach einen wirtschaftlichen Aufschwung für das Herzogtum, da die gesamte Ausrüstung im Lande angefertigt werden sollte. Die Kavallerie sollte aus Kostengründen erst in Nordamerika mit Pferden versehen werden, von denen dort reichliche Bestände existieren sollten. Das stellte sich jedoch als Indianerromantik heraus, und die stolzen Reiter mußten zu Fuß in den Krieg ziehen.

 

Der Marsch ging nach Stade, wo sich die braunschweigischen Truppen einschiffen ließen.

Die Truppentransporter brauchten über 9 Wochen, um Kanada zu errei-chen. Die anderen Osthäfen waren in amerikanischer Hand. Zusammen mit den Engländern sollten sie in Richtung New York vorstoßen, wobei ein Teil des Kriegsgerätes mit Booten dem Lauf des Hudson Rivers folgten. Am 7.Oktober 1777 wurde die britische Streitmacht bei Saratoga am Hudson River vernichtend geschlagen und mußte sich am 17.Oktober den Amerikanern ergeben, die in der Übermacht waren. Sie hatten Heimvorteil, kannten sich in dem schwierigen Gelände mit seinen Gebir-gen, den Seen, den Resourcen des Landes und dem Urwald aus. Zur allgemeinen Verwirrung trugen Kolonisten wie die Braunschweiger dunkelblaue Uniformen mit roten Biesen. Die zu Hause exerzierten Feuerkommandos halfen ihnen im Gelände überhaupt nicht. Und Begriffe wie Deckung und Tarnung waren unbekannt, sie wurden erst später von den französischen Revolutionsheeren eingeführt.

 

Die in den Kapitulationsverhandlungen erreichten Artikel zielten dahin, die europäischen Truppen schnell zurück nach Europa bringen zu lassen, aber der Aufenthalt in den Gefangenenlagern zog sich bis 1783 hin. Die Briten und auch die Amerikaner, versuchten Soldaten anzuwerben, hatten dabei aber wenig Erfolg. Dafür wurden die Angebote von Far-mern, die Arbeitskräfte suchten, vielfach angenommen. Viele zogen es vor, lieber ihr Glück in den neuen Ländern zu suchen, als in das wirt-schaftlich angeschlagene Herzogtum Braunschweig zurückzukehren. So fiel es auch nicht schwer, die Provinz, in der man kanadischen Boden betreten hatte, New Brunswick zu nennen.

 

Eine entscheidende Rolle spielte sicher, daß in Nordamerika eine Volksarmee entstanden war, die für ihre eigenen Interessen kämpfte, und damit den Söldnertruppen überlegen war. Die gleiche Entwicklung zeigte sich im Siegeszug der französischen Revolutionsheere über die Elite-truppen der Großmächte. Wie man Goethe bei der berühmten Kanonade von Valmy die Worte zuschreibt: “Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen“

 

Auszug aus der Convention von Saratoga:

 

7. Auf dem Marsch und so lange sich die Troupen in der Provintz Mas-sachusets Bay aufhalten werden, sollen die Officirs von ihren Leuten, so wie es die Umstände erlauben wollen, nicht getrennet werden, und soll es ihnen freystehen, ihre Mannschaften so oft zu assembliren, als sie solches zur Erhaltung der Ordnung und Disziplin nöthig finden werden, zugleichen sollen die Officirs nach ihrem Range Quartiere bekommen.

 

8

Alle bey der Armée des General Burgoyne sich befindenden Matrosen, Bateaux und Arbeits-Leute, Treibers, freywillige Compagnien und andere zur Armée gehörige Personen die unter vorbesagten ....nicht begriffen sind, sollen Brittische Unterthanen erkennet und in allem Verstande gleichmäßig in diesen Artikel mit begriffen seyn, sie mögen für Landsleute seyn, welche sie wollen.

 

9

Allen Canadiern, die unter allerley Dienstleistungen bey der Armée des General Burgoyne gedient haben, soll es erlaubt seyn, wieder nach ihrer Heymath zurückzukehren und sollen sofort unter einer Bedeckung bis zum ersten brittischen Posten am Lac George abmarschieren; auch sollen sie während ihres Marsches dahin, auf dieselbige Art als die engli-schen Troupen mit Provisions versehen werden.

 

10

Es sollen sogleich Päße an 3 Officiers gegeben werden, die keinen höheren Grad als Capitains haben dürfen, und die der General Burgoyne ernennen wird, um Depechen an die Generale, Sir William Howe, Sir Guy Carleton, und nach Engelland über New Yorck zu bringen. Der General Gates verspricht bei öffentlicher Treue und Glauben, daß diese Depechen nicht geöffnet werden und gedachte Officiers nach Erhaltung derselben, auf dem kürtzesten Wege und auf das geschwindeste nach den Orten ihrer Bestimmung sollen abgeführt werden.

 

11

Während des Auffenthalts der Troupen in der Provinz Massachusets Bay werden die Officiers ihre Parole geben und sollen ihr Seitengewehr behalten.

 

12

Sollen die Troupen des General Bugoyne nöthig findrn ihre Kleidungsstücke und Bagage aus Canada kommen zu lassen, so wird ihnen solches auf die bequemste Art zu thun verstattet.

 

13

Diese Artikel sollen von beiderseitigen Generals, morgen früh um 9Uhr unterschrieben seyn, und die Troupen um 3 Uhr des Nachmittags aus dem Lager abmarschiren.

 

Sign.

John Burgoyn Horatio Gates

Im Lager bei Saratoga den 16ten October 1777

 

[ Ein Braunschweiger Kommentar aus dem Staatsarchiv Wolfenbüttel ]

„So entwickelte sich zuletzt das Schicksal unserer Armée, die nach den Beweisen beygefügter Verlusts-Listen , gegen einen 4mahl stärkeren Feind, rühmlich gefochten , die ohngeachtet sehr großer Fatiguen, Arbeiten und anderen Unbequemlichkeiten von mancherley Art, welche eine Armée auf Europäischem Grund und Boden niemahls erfahren kann, dennoch auch in den critischesten Zeitpuncten niemahls ihren Muth verlohren hat, und die gantz gewiß, ohngeachtet sie nicht voll 4000 Mann an gesunden Combattanten stark war, alles würde gethan haben, einem Schicksal auszuweichen, welches braven Troupen nie anders als schmertzhaft seyn kann. Wenn nicht die Gewißheit, zuletzt in denen Wäldern alle Hungers zu sterben zu müssen, ihr Chef bewogen hätte, sich mit Accord zu übergeben, damit sie das Leben braver Troupen, die mit ihrem Blut und mit ihrem besten Willen die Rechte der Brittischen Nation so lange wie möglich verfochten hatten bis zu einer rühmlichen Bestimmung für die Crone Englands erhalten möchten.

Vielleicht findet sich in der Geschichte kein eintziges oder gewiß nur wenige Beyspiele, daß ein Corps Troupen mit soviel Ehr als Rechtmäßigkeit, wie dieses, zu einer Capitulation sich hat entschließen können.“

 

 

[ Aus amerikanischer Sicht :]

 

On September 19. 1777 the Royal army advanced upon the American camp in three separate columns within the present day towns of Stillwater and Saratoga. Two of them headed through the heavy forests cove-ring the region; the third, composed of German troops, marched down the river road. American scouts detected Burgoyne's army in motion and notified Gates, who ordered Col. Daniel Morgan's corps of Virginia rifle-men to track the British march. About 12:30 p.m., some of Morgan's men brushed with the advance guard of Burgoyne's center column in a clearing known as the Freeman Farm, about a mile north of the American camp. The general battle that followed swayed back and forth over the farm for more than three hours. Then, as the British lines began to waver in the face of the deadly fire of the numerically superior Americans, German reinforcements arrived from the river road. Hurling them against the American right, Burgoyne steadied the wavering British line and gradually forced the Americans to withdraw. Except for this timely arrival and the near exhaustion of the Americans' ammunition, Burgoyne might have been defeated that day. Though he held the immediate field of battle, Burgoyne had been stopped about a mile north of the American line with his army roughly treated. Shaken by his "victory," the British commander ordered his troops to entrench in the vicinity of the Freeman Farm and await support from Clinton, who was supposedly preparing to move north toward Albany from New York City.

 

For nearly three weeks he waited but Clinton did not come. By now Bur-goyne's situation was critical. Faced by a growing American army without hope of help from the south, and with supplies rapidly diminishing, the British army became weaker with each passing day. Burgoyne had to choose between advancing or retreating. He decided to risk a second engagement, and on October 7 ordered a reconnaissance-in-force to test the American left flank. Ably led and supported by eight cannon, a force of 1,500 men moved out of the British camp. After marching southwesterly about three-quarters of a mile, the troops deployed in a clearing on the Barber Farm. Most of the British front faced an open field, but both flanks rested in woods, thus exposing them to surprise attack. By now the Americans knew that Burgoyne's army was again on the move and at about 3 p.m. attacked in three columns under Colonel Morgan, Gen. Ebenezer Learned, and Gen. Enoch Poor. Repeatedly the British line was broken, then rallied, and both flanks were severely punished and driven back. Gen. Simon Fraser, who commanded the British right, was mortally wounded as he rode among his men to encourage them to make a stand and cover the developing withdrawal. Before the enemy's flanks could be rallied, Gen. Benedict Arnold -who had been relieved of command after a quarrel with Gates- rode onto the field and led Lear-ned's brigade against the German troops holding the British center. Under tremendous pressure from all sides, the Germans joined a general withdrawal into the fortifications on the Freeman Farm. Within an hour after the opening clash, Burgoyne lost eight cannon and more than 400 officers and men. Flushed with success, the Americans believed that vic-tory was near. Arnold led one column in a series of savage attacks on the Balcarres Redoubt, a powerful British fieldwork on the Freeman Farm. After failing repeatedly to carry this position, Arnold wheeled his horse and, dashing through the crossfire of both armies, spurred north-west to the Breymann Redoubt. Arriving just as American troops began to assault the fortification, he joined in the final surge that overwhelmed the German soldiers defending the work. Upon entering the redoubt, he was wounded in the leg. Had he died there, posterity would have known few names brighter than that of Benedict Arnold. Darkness ended the day's fighting and saved Burgoyne's army from immediate disaster.

 

That night the British commander left his campfires burning and withdrew his troops behind the Great Redoubt, which protected the high ground and river flats at the northeast corner of the battlefield. The next night, October 8, after burying General Fraser in the redoubt, the British began their retreat northward. They had suffered 1,000 casualties in the fighting of the past three weeks; American losses numbered less than 500. After a miserable march in mud and rain, Burgoyne's troops took refuge in a fortified camp on the heights of Saratoga. There, an American force that had grown to nearly 20.000 men surrounded the exhausted British army. Faced with such overwhelming numbers, Burgoyne surrendered on Oc-tober 17, 1777. By the terms of the Convention of Saratoga, Burgoyne's depleted army, some 6,000 men, marched out of its camp "with the Honors of War" and stacked its weapons along the west bank of the Hud-son River. Thus was gained one of the most decisive victories in American and world history.

 

American and British Forces at the two Battles of Saratoga.

 

The route of defeat of British General John Burgoyne and his troops.

 

The Surrender of General Burgoyne at Saratoga, New York. 17 October 1777. Painting by John Trumbull and taken from the Microsoft Encarta Encyclopedia

 

Im Niedersächsischen Staatsarchiv Wolfenbüttel gibt es reichhaltige und genaue Unterlagen über das Braunschweiger Korps, Namenslisten, Ver-lustlisten, Listen der Verstorbenen, Desertierten, usw., die Auskunft über das Schicksal der Braunschweiger Soldaten geben können.

 

The English articles and maps were taken from the Official Guide to the Saratoga National Historical Park from the United States National Park Service.