Wilhelm Waßmuß - Sein Leben und die Instrumentalisierung seines Andenkens

von Florian Schulze

 

Das Leben des Wilhelm Waßmuß beginnt am 14. Februar 1880 in Ohlendorf, welches heute als Stadtteil in Salzgitter eingegliedert ist. Nach der Schule studierte er Rechtswissenschaften und Orientalistik um schließlich mit seinem Eintritt in den deutschen diplomatischen Dienst im Jahre 1906 seinen ungewöhnlichen Lebensweg zu beginnen, der ihn weit über die Grenzen des Braunschweiger Landes bekannt werden lassen sollte.

 

Das Leben des noch jungen deutschen Diplomaten erwies sich in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als ausgesprochen unstet. Kaum war er in den deutschen diplomatischen Dienst eingetreten führte ihn sein Weg nach Madagaskar, wo er drei Jahre verblieb, bevor er 1909 nach Buschehr in Persien versetzt wurde. Der Ort ist heute Hauptstadt einer gleichnamigen Provinz im Iran. In der Folgezeit wurde er wieder nach Madagaskar gerufen um schließlich 1913 als Konsul in Buschehr seinen Dienst anzutreten. Doch auch dies war nicht von Dauer, denn kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird er als Dolmetscher ins deutsche Konsulat nach Kairo berufen. Von dieser Anstellung erhofft sich Waßmuß ein Ende seines bisher unsteten Lebens, welches mit der Aussicht auf ein sicheren Amt und dem klar umrissenen Aufgabenkreis einhergeht.

 

Auf der Reise nach Kairo zeichnet sich immer deutlicher der Ausbruch des Ersten Weltkrieges ab und Waßmuß beschließt eigenmächtig seine Route zu ändern: Anstatt wie befohlen seinen Posten anzutreten reist er nach Berlin, um den dortigen Behörden mit seinem Wissen über Persien behilflich zu sein. Dort angekommen erfährt er von einer Expedition nach Afghanistan, welche später unter den Namen „Niedermayer-Hentig-Expedition bekannt werden sollte, und schließt sich dieser nach nur achttägigen Aufenthalt in der Hauptstadt an. Auf Grund von inneren Streitigkeiten verlässt er die Expedition in Bagdad und Waßmuß zieht selbstständig in den Süden Persiens nach Buschehr, dem Ort, in dem er zuletzt als Konsul seinen Dienst tat.

 

Zu dieser Zeit versuchte England Persien zunehmend unter seine Herrschaft zu bringen, woraufhin Waßmuß einen Aufstand organisiert. Er schafft es die Tangsir, Kaschgai und weitere persische Stämme zu mobilisieren und war mit seiner Revolte so erfolgreich, dass die Briten ihn später den Namen „German Lawrence of Aribia“ oder „Wassmuss of Persia“, wie ihn die Times of Mesopotamien 1931 tituliert, verliehen. Die Verbindung zum noch heute durch die Verfilmung recht prominenten „Lawrence von Arabien“ kommt nicht von ungefähr, da sich beide für den Freiheitskampf des jeweiligen Landes einsetze. Im Unterschied zu Lawrence hatte Waßmuß allerdings keinen bleibenden Erfolg für das Land. Trotzdem wird in späteren Artikeln über den aufständischen Konsul die Bedeutung und der Erfolg seines Aufstandes gerne am Bild einer Karte Persiens aufgezeigt, auf der in roten, dicken Lettern das Wort WASSMUSS als Kennzeichen der regionalen Situation verwendet wird. Wilhelm Waßmuß wird in dieser Zeit zum „Britenschreck“ und ihm gelingen einige bemerkenswerte militärische Erfolge: So durchbricht er unter anderem die britische Front in Ostpersien und bahnt sich auf diese Art einen Weg nach Afghanistan, wo er den Versuch unternimmt, die dortigen Stämme zum Jihad aufzurufen.

 

Allerdings scheint Waßmuß nicht nur eine strategische Brillianz in seiner Kriegsführung zu besitzen, sondern darüber hinaus auch ein unwahr-scheinliches Glück der britischen Gefangenschaft zu entgehen. Schon während seiner ursprünglichen Überfahrt nach Kairo 1914 entgeht er nur knapp der britischen Gefangenschaft mit seiner glaubhaften Darstellung, dass er lediglich seinen Diplomatenposten antreten möchte. Es scheint diese Begegnung gewesen zu sein, die ihn seine Pläne ändern und daraufhin Berlin ansteuern ließ. Eine weitere Anekdote stammt aus dem Jahr 1915, als ein angebliche befreundeter Stammesfürst Waßmuß zum Essen einlädt, ihn dann aber gefangen setzt und den britischen Behörden übergeben will. Die Ankunft der britischen Gesandtschaft, die Waßmuß in Empfang nehmen soll, verzögert sich, wie man sagt, auf Grund der persischen Höflichkeit und bietet dem Gefangenen Gelegenheit für eine List, die ihn seine Freiheit zurückbringen sollte, so unwahrscheinlich es auch klingen mag: Waßmuß erzählt seinen persischen Bewachern, dass sein Pferd erkrankt seie und er stündlichen nach ihm sehen müsse. Der Wunsch wird ihm gewährt, aber nach einigen Besuchen im Pferdestall seien die Bewacher ihrer Aufgabe müde geworden und ließen den deutschen Aufständigen alleine ziehen mit dem Resultat, dass dieser die Chance ergriff und zusammen mit seinem gesunden Pferd entfloh. Bei dieser Flucht musste er allerdings sein Gepäck zurücklassen, welches den Briten in die Hände fiel. Unter diesen Sachen befand sich auch das diplomatische Code-Buch, welches zwei Jahre später bei der Entschlüsselung der so genannten „Zimmermann-Depesche“ eine zentrale Rolle gespielt haben solle, da es die Grundlage für das Knacken des Geheimcodes bot.

 

Nach Beendigung des Ersten Weltkrieges gerät er entgegen eines anders lautenden Versprechens, welches zuvor gegeben wurde, in britische Gefangenschaft, aus der er erst 1920 nach Hause entlassen wird. Obwohl Waßmuß ausgesprochen erfolgreich in seiner Revolte war, brach nach und nach die Unterstützung vom kriegsgebeutelten Deutschlands weg. Waßmuß ging daraufhin Versprechungen gegenüber den Stammesfürsten ein, für deren Deckung eigentlich niemand garantieren konnte. Diese Verpflichtungen sind es auch, die den Rest seines Lebens dominieren sollte.

 

Nachdem unzählige Einlagen und Anfragen an das Auswärtige Amt nicht zum gewünschten Erfolg, nämlich die Auszahlung der versprochenen Gelder, führten, kaufte sich Waßmuß 1924 eine billige Farm bei Buschehr. Er plante aus den erhofften Erträgen seine Schulden bei den Stammesfürsten abzuzahlen, scheiterte aber an diesem Ziel: Die Farm ging pleite. Im April 1931 kehrt Wilhelm Waßmuß als gebrochener Mann nach Berlin zurück, wo er am 29. November des Jahres verstirbt.

 

Sein Tod löst in Deutschland die zweite Welle der Berichterstattung zu ihm als Person aus. Die ersten Berichte über Waßmuß wurden in der Folgezeit des Ersten Weltkrieges veröffentlicht und zeugen davon, dass der Nebenkriegsschauplatz Persien in den deutschen Berichterstattungen nur wenig bis keine Beachtung fand. So schreibt der „Hannoverscher Kurier“ in seiner Ausgabe vom 10. Mai 1919 unter der Überschrift „Waßmuß - der Schrecken der Engländer“:

 

„Von einem deutschen Helden, der während des Krieges den Engländern nach ihrem eigenen Geständnis die größten Schwierigkeiten bereitet hat, erfährt das deutsche Volk erst jetzt nach Beendigung des Krieges durch einen Aufsatz, den Ferdinand Tuchy in der „Daily Mail“ veröffentlicht.“

 

Im weiteren Verlauf dieses Artikels, der wie alle anderen an dieser Stelle zitierten Zeitungsartikel aus dem Nachlass Waßmuß‘ stammt, welcher im Stadtarchiv Salzgitter einzusehen ist, wird eine Übersetzung von Tuchys Text abgedruckt, in der auch der Bedeutung Waßmuß‘ Rechnung getragen wird:

 

„Damals setzten die britischen Behörden einen Preis von 1 Million Mark auf die Ergreifung dieses erstaunlichen Mannes.“

 

Ob die genannte Währung eine Umrechnung im Zuge der Textübersetzung oder ein Fehler der Redaktion ist, konnte nicht rekonstruiert werden. Dafür erscheint diese Art der Wertschätzung, in der einfach die Höhe des Kopfgeldes als Indikator für die Prominenz der gesuchten Person genommen wird, wenig spektakulär im Vergleich mit den reißerischen Unterüberschriften eines „Daily Mirror“-Artikels unbekannten Datums, der mit „Who was Wassmuss of Persia“ betitelt ist. Dort wird Waßmuß‘ Revolte als „Better adventures than even Lawrence of Aribia“ angepriesen.

 

Während die erste Welle der Berichterstattung Waßmuß in die öffentliche Aufmerksamkeit versetze, ist die weitaus umfangreichere zweite Welle um das Andenken an den Konsul bemüht. Begonnen wird diese Erinnerungskultur mit den obligatorischen Nachrufen, in denen viele die wohl bekannteste Anekdote um den deutschen „Konsul-Feldmarschall“, wie die Medien ihren Helden betitelten, abdrucken. Hierzu der „General-Anzeiger für Frankfurt“ in seiner Ausgabe vom 3.12.1931:

 

„Eines Tages versammelte nämlich der Feldmarschall [gemeint ist Waßmuß - d.V.] seine Unterführer. Mit einer Stange, an der einige Drähte befestigt waren, trat er vor die meuternden Häuptlinge und erklärte ihnen, daß er nunmehr drahtlos mit dem Sultan in Konstantinopel sprechen werde, um nach einer Weile des Schweigens zu verkünden, daß der Sultan allen Gläubigen gebiete, die Deutschen zu schützen und gegen die bösen Engländer zu kämpfen.“

 

Neben diesen Anekdoten wird Waßmuß nach seinem Tode vor allem mit reißerischen Überschriften belegt. „Zum Tode des Konsul Waßmuß - Der Mann, der allein mit England Krieg führte“ ist beispielsweise im Münsterischen Feldanzeiger vom 9.12.1931 zu lesen, wohingegen die Nordwestdeutsche Zeitung fünf Tage zuvor noch einen Schritt weitergeht und vom „Feldherr ohne Armee. Der Mann, der allein einen Kriegsschauplatz schuf“ sprach.

 

Diese öffentliche Aufmerksamkeit sorge auch relativ zeitnah für die erste Buchpublikation über die Ohlendorfer Persönlichkeit als Christopher Sykes 1936 sein Buch „Wassmuss. The German Lawrence“ veröffentlicht. Die Reaktionen zu dem Werk sind vor allem in nationalistischen Kreisen verhalten bis ablehnend, wie man im Stadtarchiv Salzgitter in vielen Buchbesprechungen nachlesen kann. Zusammengefasst fehle nach Meinung der Nationalsozialisten der nationale, heroische Bezug des Helden zu seinem Heimatland und die Darstellung würde der Person nicht gerecht werden. Für den deutschen Markt erscheint ein Buch von Dagobert von Mikusch, welches sich zwar an Sykes orientiert, den Wünschen der Nationalsozialisten aber eher entspricht. Mikusch, der in seinem Vorwort den vorausgegangenen Zeitungsartikeln eine „romanhaft gefärbte Darstellung“ verwirft, scheitert selbst an diesem Vorsatz und degradiert das Leben Waßmuß‘ zu einem Abenteuerroman, welcher von einer völkischen Terminologie unterschwellig durchzogen ist:

 

„Zwei starke Völker [gemeint sind England und Deutschland], das eine in voller Übereinstimmung mit dem eigenen Wesen und in einer herrschenden, mit vielen Mühen und Gefahren errungen Stellung, das andere innerlich unsicher, seiner selbst kaum bewußt, aber überquellend vor Kraft und heftig vorwärtsdrängend, stießen an allen möglichen Ecken und Enden der Welt aufeinander.“ Der Krieg wird zu einer Art Gentlemenkrieg zweier gleich starker Gegner stilisiert, die sich nur aneinander messen können. Auch das beinahe obligatorisch wirkende Blut-und-Boden-Topos fehlt bei Mikusch nicht, wenn er schreibt: „Waßmuß entstammt einem alten Freibauern-geschlecht an der Grenze Niedersachsen, da wo sich - unweit Goslar - der Harz in die große Ebene des Nordens zu verlieren beginnt. Dort hatten seine Vorfahren seit langem als selbstständige Herren gesessen; aus dieser Erbschaft erwuchs ihm ein ausgeprägtes Ehrbewußtsein und ein sehr empfindliches Rechtsgefühl, aber zugleich auch eine starke Eigenwilligkeit und eine gewisse Schwierigkeit, sich bestimmt geregelten Verhältnissen ein- und unterzuordnen.“

 

Mit dieser Darstellung wird nicht nur ein Bild kreiert, welches in den nationalsozialistischen Medien immer weiter instrumentalisiert wird, wie man im Stadtarchiv Salzgitter nachlesen kann, sondern das Bild des Waßmuß als deutschen Helden wird bis heute in rechtskonservativen Kreisen tradiert. Im Jahre 2003 erschien die Ausgabe des Republikaners, einer Parteizeitung der Republikaner, für den Zeitraum September-Oktober des Jahres, welche Wilhelm Waßmuß als Titelthema hat. Das Andenken Waßmuß wird im letzten Absatz eindeutig für revisionistische Zwecke instrumentalisiert: „In unserer geschichtslosen Zeit, in der sich deutsche Geschichte auf zwölf Jahre fokussiert, haben solche Vorgänge keinen Platz,“ schreibt der Autor des Artikels. In einem weiteren per Google zu findenden Artikel der Online-Ausgabe der „Nationalen Zeitung“ wird Waßmuß im Zusammenhang der Überschrift „Wie der Iran zum ‚Schurkenstaat‘ wurde“ thematisiert, was belegt, dass Waßmuß auch heutzutage für viele national denkenden Menschen eine Ikone zu sein scheint. Dies ist ein klassisches Beispiel dafür, wie historische Wahrheit zur Begründung und Rechtfertigung der eigenen politischen Meinung instrumentalisiert werden kann, wenn man nicht alle Fakten berücksichtigt indem nur die überzeugendsten Stückchen selektiert und vorgezeigt werden, um andere auf seine Seite zu ziehen.

 

Um diesen weiten und hier nur angerissenen Komplex der Geschichts-instrumentalisierung zum Abschluss zu bringen und gleichzeitig den völkisch denkenden Autoren, welche im Vorfeld zitiert wurden, ihre Beleggrundlage zu entziehen, möchte ich mit einem kleinen Stück aus dem Tagebuch Waßmuß‘ schließen, welches ebenfalls in Salzgitteraner Stadtarchiv einzusehen ist. Der Eintrag ist datiert auf den 23. Dezember 1918, einem Montag.

 

„Ich hatte gestern abend so meine Gedanken, was das Ergebnis des Krieges sein wird. Tötung des Nationalitätenhasses hoffe ich.“

 

Quellen:

 

Stadtarchiv Salzgitter

Mikusch, Dagobert von: „Waßmuß. Der deutsche Lawrence.“ Leipzig, 1937

Der Republikaner: www.der-republikaner.de/rep003/rep0910/rep_zeitung0910_texte11.htm (zuletzt eingesehen am 14. Juli 2007)

Nationale Zeitung: www.national-zeitung.de/Artikel_05/NZ28_4.html (zuletzt eingesehen am 14. Juli 2007)