Archäologie im Geschichtsstudium

Die Lehrgrabung 2010

 

Ein leichter Nebel liegt über den Okerniederungen rund um das Werlaplateau im Nordharzvorland. Es ist noch kühl an diesem 13. September 2010, dem ersten Tag des Archäologie-Praktikums der Technischen Universität Braunschweig. Ein Autokorso mit Studierenden schlängelt sich, 15 Kilometer nördlich von Goslar, über einen Feldweg zur einstigen Pfalz der deutschen Könige, der Werla. Bei der zweiwöchigen Lehrgrabung und der Arbeit im Landesamt für Denkmalpflege haben die angehenden Geschichtslehrer und Fachhistoriker die Möglichkeit, einen Einblick in die Archäologie zu gewinnen.

Auch wenn an diesem ersten Grabungstag nicht Hut und Peitsche à la Indiana Jones ausgehändigt werden, so erwartet die Studierenden doch eine ganz andere Herangehensweise an die Geschichte. Weg vom Schreibtisch, weg vom Bücherregal, raus aus den Archiven, Bibliotheken und Hörsälen und rein in die Gummistiefel, ins Grabungsgelände, ins nasse Gras und in die matschigen Gruben. 

Der erste Kontakt mit der Archäologie ist dann aber nicht das Heben von Schätzen; noch nicht einmal das sprichwörtliche Graben in der Geschichte. Nein, es werden Zelte aufgebaut, um die anstehenden Funde vor der Witterung zu schützen. Die Hände sind kalt und die Kleidung wird schmutzig, während sich im Hintergrund die Silhouette des Brockens aus den Wolken löst und der Wind über das Pfalzareal weht.

Dr. Michael Geschwinde, Bezirksarchäologe in Braunschweig und Leiter der Lehrgrabung, führt seine sieben Praktikanten über die Pfalzanlage. Keine Türme und hohen Mauern, kein Palas und keine Wehrgänge sind zu erblicken. Ein riesiges, über 17 Hektar großes, scheinbar leeres Areal, auf dem nur ein paar Gruben und Erdaufschüttungen zu sehen sind, liegt vor den Studierenden. Vor zehn Jahren pflügte noch landwirtschaftliches Großgerät über die Werla, die im 10. Jahrhundert eine der größten Burganlagen Europas gewesen ist. Wo sich einst die deutschen Herrscher, unter ihnen Otto der Große und Friedrich Barbarossa, aufhielten, erinnert nur noch wenig an die mittelalterliche Pfalz. Alles was die Jahrhunderte überdauerte, liegt unter einer dicken Erdschicht verborgen.

Unter der Anleitung  des Archäologenteams untersuchen die Studierenden aus Braunschweig  zwei Grabungsabschnitte genauer. Zum einen werden die Fundamente vom Nordtor, durch das einst die Könige in die Burg einzogen, freigelegt und dokumentiert. Zum anderen zeichnen sich im Vorburgbereich die Umrisse eines Grubenhauses, in dem vor ca. 850 Jahren Textilien und Metalle verarbeitet wurden, ab. Dieser Wirtschaftsbereich steht auch im Fokus der Lehrgrabung, da sich die Archäologen durch die Untersuchung weitere Hinweise zur genaueren Funktion und zur zeitlichen Verortung dieses Burgabschnitts versprechen. Allerdings bekommen die Grabungsteilnehmer zu Beginn die Bergbauweisheit „Vor der Hacke ist es duster“ mit auf den Weg in die erste praktische Beschäftigung mit der Archäologie. Ein Satz, der sich noch bewahrheiten sollte.

Die Studierenden schieben in den zwei Wochen der Lehrgrabung keineswegs den ganzen Tag nur Schubkarren; sie bekommen einen Einblick in alle Bereiche der archäologischen Arbeit. Sie bedienen unter ständiger Betreuung die Messtechnik, zeichnen Mauerabschnitte und Bodenprofile, sie graben, kratzen und pinseln, bergen und dokumentieren die mittelalterlichen Funde. Aber gleich am ersten Tag werden sie auch auf einige Scherben aufmerksam, die in der Nähe des Grubenhauses aus dem dunklen Erdreich ragen. Mit äußerster Behutsamkeit, mit Kellen, Stukkateureisen und Pinseln legen die Ausgräber in den kommenden Tagen immer mehr Tonscherben, ja ganze Gefäße  frei. Schnell ist klar, dass die Objekte nicht aus dem erwarteten Untersuchungszeitraum, dem Mittelalter stammen. Sie sind älter, viel älter. Über 5.500 Jahre, Jungsteinzeit.

Zum Teil stehen alle Grabungsteilnehmer um die eineinhalb Quadratmeter große Grube herum, ein halbes Duzend Hände arbeitet an der Freilegung eines Trichterbechers (Film), es herrscht gespannte Stille, die nur vom Kratzen des feinen Werkszeugs gestört wird. Und dann ein erleichtertes „Aah“ von allen. Das Gefäß ist aus der Erde gelöst, es ist ganz.

Neben der archäologischen Arbeit findet in der zweiten Woche auf der Werla auch ein Pressetermin statt, bei dem vor allem die  frühgeschichtlichen Funde im Fokus stehen. Doch kurz nachdem die Journalisten die Werla verlassen hatten, die jungsteinzeitlichen Gefäße geborgen und die Grube für ein letztes Befundfoto noch einmal durchgeputzt ist, kommt auf einmal ein Knochen zum Vorschein, dann ein ganzes Fußgelenk, Schien- und Wadenbein und am folgenden Tag ist das vollständige Skelett eines Menschen freigelegt. Die Studierenden hatten zuvor also kein Scherbendepot ausgegraben. Vor ihnen liegt eine 5.500 Jahre alte Bestattung.

Mit dieser Entdeckung am Ende der Grabung sollte das Archäologiepraktikum aber noch nicht zu Ende sein. Neben der Auswertung der Grabungsergebnisse im Landesamt für Denkmalpflege im Frühjahr 2011 bekommen die Studierenden die Möglichkeit, ihre Grabung und die dabei gemachten Funde in einer Ausstellung zu präsentieren. Nach wochenlangen Planungen wurde die zweitägige Schau in Werlaburgdorf dann ein voller Erfolg. Und auch mit dem Ende des Praktikums ebbt das Interesse an Archäologie im Historischen Seminar nicht ab. Im Rahmen des Kolloquiums stieß die Vorstellung der Lehrgrabung auf ein breites Interesse und beim TU-DAY wird die Ausstellung auch ein weiteres Mal gezeigt. 

Im Rahmen des Archäologie-Praktikums ging es nicht nur darum, einmal die Schaufel in die Hand zu nehmen und auf eine – sonst im Studium nicht dozierte Weise – in der Geschichte zu graben. Die Studierenden hatten die Möglichkeit einen intensiven Einblick in alle Bereiche der archäologischen Arbeit, von den ganz praktischen Tätigkeiten auf der Grabung, über die wissenschaftliche Auswertung im Institut bis hin zur vielfältigen Öffentlichkeitsarbeit  zu bekommen. Dabei bot sich den Praktikanten eine neue, facettenreiche Sicht auf die Arbeit mit Geschichte, die auch im historischen Seminar auf ein breites Interesse stieß und im Rahmen von weiteren Lehrgrabungen fortgesetzt werden muss.

Kapitelübersicht
<a class="download" title="Initiates file download" href="t3://file?uid=398">Werlaplateau</a><a class="download" title="Initiates file download" href="t3://file?uid=397">Lehrgrabung</a><a class="download" title="Initiates file download" href="t3://file?uid=399">Auswertung</a>
<a class="download" title="Initiates file download" href="t3://file?uid=396">Geschichte</a><a class="download" title="Initiates file download" href="t3://file?uid=403">Jungsteinzeit</a><a class="download" title="Initiates file download" href="t3://file?uid=404">Ausstellung</a>
<a class="download" title="Initiates file download" href="t3://file?uid=405">Pfalzanlage</a>Film<a class="download" title="Initiates file download" href="t3://file?uid=406">Kolloquium</a>
<a class="download" title="Initiates file download" href="t3://file?uid=407">Nordtor</a><a class="download" title="Initiates file download" href="t3://file?uid=408">Pressetermin</a><a class="download" title="Initiates file download" href="t3://file?uid=401">TU-DAY</a>
<a class="download" title="Initiates file download" href="t3://file?uid=409">Grubenhaus</a><a class="download" title="Initiates file download" href="t3://file?uid=410">Bestattung</a>

Ein Projekt von Christoph Karras, Julian Krüger, Marco Failla und Michael Siems.

Die Urheberrechte für alle Texte, Abbildungen und Videos des Projekt "Archäologie im Geschichtsstudium. Die Lehrgrabung 2010" liegen bei Christoph Karras, Julian Krüger, Marco Failla und Michael Siems. Alle weiten Informationen zum Urheberrecht finden sich im Impressum von GiBS.info.