Der Festeinzug der siegreichen Truppen am 16. Mai 1871 in Berlin

Der Sieg Preußens und seiner Verbündeten im Krieg gegen Frankreich bot Anlass für einen feierlichen Einzug. Der pompöse Einmarsch des siegreichen preußischen Heeres und seiner Verbündeten in die Kaiser- und Reichshauptstadt Berlin fand am 16. Juni 1871 statt.

Die städtischen Behörden stellten für dieses Ereignis 150.000 Taler zur Verfügung. Das war viel Geld und entsprach 1971 etwa 1,5 Mill. Mark. Außerdem wurde jedem einziehenden Soldaten ein Taler und jedem Unteroffizier zwei Taler ausgehändigt. Zudem erhielt jeder Einmarschierende ein Büchlein, das die amtlichen Kriegsdepeschen enthielt. Das war eine große Zuschlagszahlung, wenn man bedenkt, dass rund 20.000 Mann durch Berlin marschiert sind.

Die gesamte Siegesstraße führte vom Tempelhofer Feld die Belle-Alliance-Straße entlang, in die Königgrätzer Straße durch das Brandenburger Tor weiter Unter den Linden und endete am Lustschloß. Zunächst sei eine summarische Statistik als Überblick über die Ausschmückung gegeben: fünf Denkmalgruppen, drei Ehrenbogen, Dutzende von Ehrensäulen und Siegesmasten mit je vier Bären als Postament, fünf über die Straße gespannte allegorische Gruppengemälde, zahlreiche Bildnisse (z.B. Bismarck und Moltke von A. Menzel), neun Riesengeschütze, über tausend eroberte Geschütze und viele Fahnen (eigene und eroberte). Natürlich waren die Säulen, Masten und das Brandenburger Tor mit Girlanden, Eichenlaub und Lorbeerkränzen geschmückt. Aufgrund der Vielzahl der angefertigten Kunstwerke, Begrüßungs- und Feldzeichen kann hier nur ein Gesamtbild mit einigen Beispielen über das Ereignis gegeben werden.

Auf dem Potsdamer Platz verherrlichte ein kolossaler Kanonenberg die Siege um Sedan und den Fall der Festung. Aus diesem Berg erhob sich eine Säule, die die Statue der Viktoria trug. Das ganze Monument hatte bis zu den Flügelspitzen eine Höhe von 60 Fuß. Vor dem Kanonenberg hatten neun Riesengeschütze Aufstellung genommen, ein Vierundzwanzigpfünder und acht Sechzehnpfünder. Zu beiden Seiten dieses Riesenbaus waren zwei weibliche, 27 Fuß hohe Standbilder aufgestellt, die die "deutschen" Städte Straßburg und Metz personifizierten.

Nachdem das Heer durch das Brandenburger Tor trat, wurde nicht nur mit dem Jubelruf der Tausenden versammelten Einwohner begrüßt, sondern auch von den 63 Ehrenjungfrauen, die in weißer, altdeutscher Tunika gekleidet waren, begrüßt. Eine von ihnen, Jeanne Blaeser, überreichte Kaiser Wilhelm I. einen Lorbeerkranz.

Einen weiteren Höhepunkt der Siegesstraße (via triumphalis) bildeten die sogenannten Velarien. Das waren fünf große Bilder auf Segeltuch, die über die Straße Unter den Linden an je zwei Säule gespannt worden waren. Auf ihnen wurden die ideale Seite der großen Ereignisse, Taten und Erfolge des jüngsten Ausschnittes der Weltgeschichte zur Anschauung gebracht. Künstler und Bildtitel waren: Otto Knille: "Herausforderung zum Kampf", Ernst Johannes Schaller: "Waffenbrüderschaft zwischen Nord- und Süddeutschland", Anton von Werner: "Kampf und Sieg", Ernst Ewald: "Schaffung des Deutschen Kaiserreiches" und August von Heyden: "Wiederkehr des Friedens".

Am Abend des 16. Juni 1871 wurden, wie auch 1866, auf Kosten der Stadt öffentliche Bauten und Denkmale festlich beleuchtet, u.a. mit bengalischem Feuer. Die via triumphalis war in ihrer gesamten Ausdehnung durch Becken und Ballons erhellt. Vom Brandenburger Tor aus wurden die Gebäude am Pariser Platz durch Scheinwerfer angestrahlt.

Die Kosten für die Ausschmückung der Einzugsstraße beliefen sich auf mindestens 113.000 Taler und die für die "Illumination" auf 15.000 Taler, da über diese Summen verfügt worden ist, laut Akten.

Eine Aufgabe des Magistrats war auch dafür zu sorgen, dass längs der Einzugsstraße ordentliches Spalier gebildet wurde. Die Bürger wurden nach ihrem sozialen Stand in vorschriftsmäßiger Rangordnung "aufgestellt". Sie standen vom Tempelhofer Feld über Kreuzberg, Hallesches Tor, Königgrätzerstraße bis zum Potsdamer Platz und von da an bis zum Brandenburger Tor, Unter den Linden entlang bis zum Schloß. Zuerst, d.h. zuunterst, also am Kreuzberg jubelten die Fabrikarbeiter. Näher zum Brandenburger Tor, dem Brennpunkt des Ereignisses, standen die Turnvereine. Auch die Studenten hatten bessere Plätze. Am besten standen die "bewaffneten Vereine". Die Kriegerverbände jubelten Unter den Linden.

Mit Märschen und Liedern, wie die "Wacht am Rhein", 101 Kanonendonner, Glockengeläut, Chorgesang und Jubelrufen wurde der feierliche Einmarsch in Berlin begangen.

Den einziehenden Truppen wurden erbeutete Trophäen von 12 Unteroffizieren vorangetragen. Diese Gruppe setzte sich aus einem Bayrischen, Sächsischen, Würtembergischen, Badischen, Hessischen Unteroffizieren zusammen. Das Garde-Corps stellte sieben Träger.

Bei dieser Einmarsch-Ordnung handelte es sich so zu sagen um ein Routine-Defilee, denn sie lehnte sich an die feierlichen Einzüge von 1864 und 1866 an. Fontane äußerte dazu: "Siehe da, zum dritten Mal ziehn sie ein durch das große Portal".

 

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Berliner Siegesfeier vom 16. Juni 1871 von den Zeitgenossen als eines der großen künstlerischen Ereignisse Deutschlands gewertet wurde. Der Triumph wurde aber nicht nur in dieser Inszenierung thematisiert. Künstler, Musiker, Schriftsteller zögerten nicht den Sieg der deutschen Waffen über Frankreich zu idealisieren. So komponierte Richard Wagner einen "Kaiser-Marsch" zur Feier des deutschen Sieges. Auch Brahms schrieb eine Ode zur Erinnerung an diese großen Ereignisse. Gustav Freytag pries die Reichsgründung als Beginn einer neuen Ära auch im kulturellen Leben Deutschlands. Diese Festlichkeit strukturierte und lenkte aber auch die Wahrnehmung der militärischen Ereignisse. Den Soldaten und den Zuschauern wurden an entsprechenden Stellen der Siegesstraße nochmals die Siege "plastisch" vor Augen gehalten. Berlin erlebte und vermittelte an diesen Tagen eine Hochstimmung. Der Krieg mit seinen Schrecken und Entbehrungen war vorbei und der Sieg errungen.

Im Sommer 1871 wurde dieser Sieg des deutschen Heeres über das französische nicht nur in Berlin, sondern in vielen Landeshauptstädten mit Siegesfeiern bejubelt. Zu dieser Zeit war die neue Reichsverfassung, die den deutschen Nationalstaat begründete, bereits in Kraft. Eben dieses sollte auch im Festritual zum Ausdruck kommen. Nicht nur der Landesherr und seine Truppen, sondern ganz Deutschland wurde gefeiert. Diese Doppelung musste in die Bild- und Symbolsprache der Festlichkeiten eingehen. Normalerweise wurden regionale und nationale Symbole miteinander kombiniert, so z.B. stand die Bavaria neben der Germania in München. Preußen hingegen, dass jetzt nicht nur für sich selbst stand, sondern "zum Kernstaat der gerade geschaffenen Nation geworden war" und dessen König gleichzeitig das na-tionale Oberhaupt war, musste seine besondere Bedeutung auch besonders zum Ausdruck bringen. Die Feierlichkeiten zum Einzug der siegreichen Truppen am 16. Juni in Berlin ma-chen dies deutlich. Angefangen bei der Länge der Siegesstraße, die 1866 rund zwei Kilometer betrug, waren es 1871 sechs Kilometer. Die Verdreifachung der Strecke war ein Symbol dafür, dass hier nicht allein Preußen, sondern ganz Deutschland feierte und sich feiern ließ.