Der Regenstein

von Brenda Effler

 

 

Gar nicht weit weg von Braunschweig, vielleicht einen Tagesritt, heute mit einem Auto kaum eine Stunde Fahrt in den Süden, befindet sich der magisch-mystische Ort Regenstein, der gern von den Braunschweigern erobert worden wäre, wenn da nicht die standhaften Preußen gewesen wären...

 

 

 

Aber das ist nur ein Kapitel aus der langen und abwechslungsreichen Geschichte des sagenumwobenen Ortes, und die soll im Folgenden genauer beleuchtet werden.

 

 

Frühgeschichte

 

Der kreidezeitliche Sandsteinfelsen ist schon von weitem gut zu erkennen, denn er liegt auf einer Anhöhe von 295 Metern in der nördlichen Harzer Schichtrippenlandschaft. Auf der Nordseite ragt der Felsen etwa 80 Meter steil in die Tiefe. Damals war er sicher um einiges höher, wenn man die Erosion der vielen tausend Jahre bedenkt, die auf den Sandstein stark eingewirkt haben muss. Mit seinen großen Höhlen und Nischen, die vor Wind und Wetter schützen, muss dieser Ort als Behausung für Menschen prädestiniert gewesen sein. Zahlreiche Funde von Scherben und Knochenbruchstücken belegen Siedlungstätigkeiten seit mindestens 8000 Jahren.

 

 

 

Ob jener Felsen auch als Kultplatz genutzt wurde, bleibt Spekulation. Seltsame Steine, die im Umland des Regensteins mitten im Feld empor ragen und Menhir genannt werden, oder Runenzeichen, die von der Sommersonnenwende beleuchtet werden und einen Kalender bilden sollen, locken immer wieder Wünschelrutengänger und andere vermeintliche Wissenschaftler an. Aber aufgrund der mangelnden Überlieferungen können die wenigen Puzzlestücke höchstens mit viel Fantasie zu einer Geschichte zusammengesetzt werden und bleiben wissenschaftlich zusammenhangslos.

 

 

 

 

Geschichte der mittelalterlichen Burg

 

 

 

Durch archäologische Funde belegt werden kann hingegen die Nutzung des Regensteins als mittelalterliche Burg im 11. Jahrhundert, der Zeit der Salier. Eine Inschrift benennt den Tag der Anne am 26.Juli 1090 (ANO MXC DIE ANNAE) und würdigt ein heute unbekanntes Ereignis jener Zeit. (Der Sandstein ist mit zahlreichen „Inschriften“ übersäht, wie z.B. „Otto liebt Erika“, ob das Datum aus dem elften Jahrhundert wirklich auf ein nennenswertes Ereignis schließen läßt, ist daher eher Wunsch als Tatsache – sicher ist zumindest, dass die Inschrift aus früher Zeit stammt)

Die Nutzung der Burg durch die Salier ist nicht bekannt. Sie war vielleicht Sitz der Sachsen, die in den siebziger Jahren des elften Jahrhunderts ihr Territorium vor dem expansiven Burgenbau Heinrichs IV. verteidigen mussten. Beispielsweise berichten Quellen von einer Schlacht die 1070 zwischen Heinrich und den Sachsen auf der 3,5km entfernten Heimburg zu Gunsten der Sachsen ausfiel.

Später war der Regenstein Herrschaftssitz von Harzgaugrafen, wie den Suplingenburgern, die mit der Krönung des Sachsen Lothars III. zum König im Jahre 1125 an Ansehen gewannen. 1169 nennt sich ein Harzer Graf erstmals Graf von Regenstein. Ab dieser Zeit bis spätestens ins 14.Jh. wurde die Burg vergrößert und zur Festung ausgebaut und erlangte eine Gesamtausdehnung von 175m x 100m. Im gesamten Hochmittelalter herrschte die Regensteiner Linie über die Burg und zählte zu einer der stärksten Territorialkräfte des Harzgaus im 13./14. Jahrhundert. Mit der Größe der Burg selbst wuchs auch das Ansehen der Regensteiner, und der Herrschaftsmittelpunkt entfaltete sich zu einer Blüte der Hofkultur.

 

Heute erinnern Ritterfestspiele, die jährlich am letzten Juliwochenende stattfinden, an diese Zeit.

 

 

 

 

Geschichte der Festung

 

Im 15. Jahrhundert wurde der Regenstein verlassen, die Gebäude wurden nahezu restlos abgetragen, Hinterbliebenes verwahrloste zur Ruine. Das hinterbliebene Material wurde für den Aufbau des Renaissanceschlosses Blankenburg verwendet. Erst als 1670 ein Streit zwischen Brandenburg und Braunschweig entbrannte, mit der Zwietracht des Besitzerrechts über den Regenstein, wurde die Ruine zu einer modernen Bergfestung von Seiten der Brandenburger ausgebaut. Die Braunschweiger konnten ihr vermeintliches Recht nicht geltend machen und mussten zusehen wie die Festung bis 1742 vervollkommnet wurde.

 

Es entstanden sieben Hauptbastionen, drei Kurtinenbauwerke, eine Garnisonskirche, fünf Kasernenbauten, ein Kommandantenhaus, Offizierslogimenter, Zeughäuser, ein Brunnen von beachtlichen 197m Tiefe, ein Brauhaus, ein Wirtshaus, Stallungen und Magazine. Durch einen Blitzschlag explodierte jedoch 1736 das Pulvermagazin und zerstörte mehrere Gebäude sowie die Garnisonskirche restlos.

 

 

 

Das Ende der herrschaftlichen Festung kam mit Friedrich dem Großen nach den schlesischen Kriegen, der in der Instandhaltung der Festung keine Bedeutung sah. So war der Regenstein im Siebenjährigen Krieg einer französischen Truppe, die 1757 die Festung befiel, verteidigungsarm ausgeliefert. Schon 1758 konnten die Preußen die Festung zurück erobern, jedoch wurden auf königlichen Befehl die Festungswerke unbrauchbar gemacht. Damit endete die 88jährige Geschichte der Festung Regenstein. Übrig blieb eine preußische Enklave in mitten des Braunschweiger Landes, die bis 1945 eine selbständige Landes- und Verwaltungseinheit bildete.

 

Heute verweisen unzählige Grenzsteine auf den ehemaligen preußischen Besitz, die das Gebiet genauestens abstecken. An manchen Stellen, an denen sich die Grenze 'schlängelt', drängen sich Grenzsteine sogar im Abstand von zwei bis drei Metern.