Braunschweigische Leichenpredigten Eine Fundgrube für Personalforschung

von Hasso Lancelle

 

Auf der Suche nach Lebensdaten von Braunschweiger Patriziern entdeckte ich eine Quelle, die zeitlich bis weit vor die Daten in Kirchenbüchern und Einwohnerverzeichnissen hinausreicht. Es sind die gedruckten Leichenpredigten, die um die Mitte des 16. Jahrhunderts mit der Ausbreitung der Reformation in Mode kamen und deren Blütezeit etwa zweihundert Jahre anhielt. Durch die neue Möglichkeit der Vervielfältigung überdauerten die Druckwerke die Kriegs- und Brandkatastrophen, der so viele handschriftliche Einzeldokumente zum Opfer fielen.

 

Im Gebiet des ehemaligen Herzogtums Braunschweig finden sich drei bedeutende Sammlungen: In der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel gibt es 13.154 Leichenpredigten, die sogar im Internet katalogisiert sind. In der Universitätsbibliothek Göttingen lagern weitere 11.400 Leichenpredigten. Aber auch in den Beständen der Stadtbibliothek Braunschweig und im Stadtarchiv finden wir eine stattliche Anzahl von etwa 8000 Leichenpredigten, die meisten in gedruckter Form und daher auch leicht entzifferbar. Sie sind über Karteikarten erschlossen. Die für die Forschungr wichtigen Daten dieser Leichenpredigten findet man auch in den von Früh, Goedeke und v. Wilckens bearbeiteten „Leichenpredigten des Stadtarchivs Braunschweig“, geordnet nach Familiennamen und Registern der Verfasser, Künstler, Drucker und Verleger und Orte. Die Signatur des Stadtarchivs ist für jede Predigt angegeben, so daß man leicht das Original im Archiv wiederfindet.

 

Die Braunschweiger Predigten wurden im 18. Jahrhundert von dem Prediger C. J. Blum an St. Katharinen und dessen Sohn F. H. Blum, Prediger an St. Martini, gesammelt und später von zwei Braunschweiger Bürgern, nämlich Joh. Heinrich v. Kalm und Zacharias Georg Thies, dem früheren geistlichen Ministerium für das Herzogtum zur Aufbewahrung gegeben. Ein großer Teil der Predigten ist für Braunschweiger Bürger gehalten und auch in Braunschweig gedruckt und verlegt. Der Druck von Leichenpredigten war für die hiesigen Drucker ein wichtiger Arbeitszweig, so ist ein Druck des Daniel Bühring aus dem Jahre 1589 erhalten. 1603 erhielt Andreas Duncker d. Ä. aus Magdeburg vom Rat der Stadt Braunschweig das Druckerprivileg, das erst auf seinen Sohn Andreas Duncker d. J und dann auf dessen Neffen Johann Heinrich Duncker übergeht. Das Duncker’sche Signet, der schreitende rote Löwe, schmückte manche Leichenpredigt. Während der kriegsbedingten Abwesenheit von Andreas Duncker d. J. erhielt sein Schwager Balthasar Gruber ein Druckprivileg, nach dessen Tod 1645 läßt seine Witwe Leichenpredigten  drucken, schließlich heiratet sie den Drucker Christoph Friedrich Zilliger, der nach der Eroberung der Stadt durch die Herzöge Hofbuchdrucker wird, welches Amt sein Sohn Johann Georg weiterführt. 1716 wird die Zilliger’sche Druckerei mitsamt dem herzoglichen Druckprivileg von Heinrich Wilhelm Meyer aus Lemgo übernommen, unter dem Namen seines Enkels Johann Heinrich Meyer existiert die Firma heute noch als Braunschweiger Verlag.

 

Der Aufbau der Leichenpredigt folgte meistens einem festgelegten Schema: Die erste Seite war das Titelblatt mit den Namen des Verstorbenen, dem Todestag, dem Namen des Predigers und des Druckers und dem Ort der Predigt. Die Autoren der Leichenpredigten waren Pastoren der Pfarrgemeinden oder Superintendenten. Manchmal enthält das Titelblatt auch ein Porträt oder das Wappen des Verstorbenen. Eine Vorrede enthält Trostworte an die Hinterbliebenen. Es folgt eine Widmung mit den Namen von Angehörigen.

 

Der oft umfangreiche Predigttext behandelte an Hand von Bibelstellen theologische Probleme aus reformatorischer Sicht, weshalb auch das Interesse allgemein war und zur Verbreitung der Predigten beitrug. Für den Genealogen sind die mehr oder weniger ausführlichen Lebensläufe von Interesse. Natürlich gilt der Grundsatz „De mortuis nil nisi bene“, und bei weiter zurückliegenden, nicht nachprüfbaren Ereignissen oder Stammreihen mag die Familie etwas großzügig umgegangen sein.

 

Als Beispiel mögen die Leichenpredigten für die Braunschweiger Patrizierfamilie von Kalm dienen. So liest sich die Ahnenreihe der Anna Elers, geb. v. Kalm wie ein Adelsnachweis für die Ritterbürtigkeit. Wir erfahren vieles über die Ausbildung und die wirtschaftlichen Verhältnisse der Verstorbenen. Man liest, wie die Söhne des 1579 verstorbenen Bürgermeisters des Weichbilds Hagen, Werner von Kalm, von der Mutter nach Hamburg zu einem befreundeten Kaufmann in die Lehre geschickt werden, dann nach Amsterdam gehen und schließlich in Dresden eine Niederlage führen, die Handel mit Schlesien und den Bergstädten treibt. Alle kehren aber dann in ihre Heimatstadt zurück, um die Stammfirma weiterzuführen, hier zu heiraten und Ratsämter auszuüben. Der Sohn von einem der Brüder, Heinrich, stirbt 1645 zwanzigjährig im französischen Tours, vielleicht während einer Handelsreise? Von ihrem Vetter Heinrich wird in dessen Lebenslauf berichtet, daß er nach der Schulausbildung in Braunschweig nach Antwerpen, Arras, Mons und Valenciennes geschickt wurde, und nach einer Tätigkeit in Köln 1596 nach 16 Jahren „Auslandserfahrung“ nach Braunschweig zurückkehren konnte, wo er mit seinen guten Französischkenntnissen dem Rat manchen Dienst erweisen konnte. Johann Kalm machte Bildungsreisen nach Frankreich und Italien, studierte an den Universitäten Helmstedt und Marburg, promovierte in Basel zum Dr. jur.

 

Als besonderer Druck sind manchmal Gedichte von Verwandten oder Freunden beigefügt, oft auch in lateinischer Sprache, wenn es sich um Akademiker handelt. Gesammelt wurden die Predigten nicht nur in der betreffenden Familie, sondern auch von Predigern, die ihre Predigten in geschlossenen Bänden herausgaben. Die größten Sammlungen wurden von Privatleuten als Liebhaberei betrieben, die Gräfin Sophie Eleonore von Stolberg-Stolberg hatte 40.000 Exemplare zusammengebracht (die Stolberger Leichenpredigten-Sammlung, die bekannteste ihrer Art, wurde bereits 1927-35 durch einen Katalog erschlosen und befindet sich seit 1977 als Dauerleihgabe in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, also ebenfalls in der Region Braunschweig). Heute ist das Verwahren und Katalogisieren Aufgabe von öffentlichen Archiven, die von Gemeinden, den Staatsarchiven und Universitäten wahrgenommen werden. In der Universität Marburg gibt es eine Zentralauskunft unter http://www.uni-marburg.de/fpmr/html/db/gesainfo.html.

 

Während  die gedruckten Predigten mehr im protestantischen Bereich üblich waren, finden sich bis heute in ausgeprägt katholischen Gegenden die sogenannten Totenzettel, die in der Miniaturgröße DIN  A7 den Lebenslauf des Verstorbenen, einen Bibeltext und die Aufforderung zur Fürbitte enthält.

 

Nachtrag:

Der genealogische Verein AMF (Arbeitsgemeinschaft für mitteldeutsche Familienforschung e.V.) teilt in seiner Vereinszeitung in H. 3/2005 mit, dass in seiner Schriftenreihe ein Heft von Siegfried May herausgegeben wurde mit dem Titel "Leichenpredigten. Eine Quelle für die Familienforschung." In der betreffenden Rezension heißt es: "Mit diesem Heft gibt der Autor eine sehr interessante Anleitung für die Nutzung von Leichenpredigten. Er weist die Pfade auf, die zum Auffinden von Leichenpredigten führen, insbesondere zu den Predigten aus Sachsen, für die noch keine ausführlichen Register vorliegen. Die Broschüre wird durch ausführliche Register erschlossen."