Die Stimme des Bad Doberaner Münsters

von Sebastian Wamsiedler

 

Als unsere Exkursionsgruppe das Gewölbe des Bad Doberaner Münsters erklimmt, werden wir schon freudig von den beiden läutenden Glocken empfangen. Wir bahnen uns den Weg über den Dachstuhl und vernehmen ihren Klang. Es verwundert, dass das große Münster nur mit zwei kleinen Glocken ausgestattet ist. Dieses ist aber aus der Geschichte des gotischen Bauwerks zu erklären. 1171 bezog ein erster Konvent, 12 Zisterziensermönche und der zukünftige Abt, den 1164 von Bischof Berno in Auftrag gegebenen Klosterbau. Dieser befand sich aber noch nicht an seinem heutigen Platz, sondern im Ortsteil Althof. Schon 1179 ist das Kloster auf 78 Personen angewachsen, wurde aber bei einem Überfall geplündert, verwüstet und alle Bewohner erschlagen. Nikolaus von Rostock sorgte aber dafür, dass die Zisterzienser am 25. Juni 1186 auf dem Gelände des heutigen Klosterbereichs einen Neuanfang wagen konnten. Nach der Wiedereröffnung betrieben die Mönche einen zügigen Aufbau der Klostergebäude in Backstein. 1232 weihte Bischof Brunwald das erste, romanische Münster, von dem noch ein kleiner Rest an der südwestlichen Ecke des heutigen Münsters zu erkennen ist. Im Jahre 1294 ließ Abt Johann I. von Dalen das romanische Münster, das inzwischen wohl zu klein geworden war für die wachsende Klostergemeinschaft,  abbrechen und begann, ein gotisches Münster nach dem neuen, in Burgund längst blühenden Stil mit Spitzbogen und großen, hellen Fenstern bauen zu lassen. Das gotische Münster wurde schließlich 1368 durch Bischof Friedrich von Bülow geweiht

Kurz nach Beginn der Bauzeit, im Jahre 1301, ließ der damalige Abt Johann II. von Elbing die noch heute existierende Glocke des Münsters gießen. In welcher Bauphase sich das Münster befand, lässt sich nicht sagen. Sicherlich gab es aber noch keinen Glockenturm, um die Glocke aufzuhängen. Vielleicht hat man zunächst nur einen hölzernen Glockenturm neben dem Rohbau als Provisorium errichtet. Nach der Ordensregel sollte eine Glocke nicht größer sein, als dass sie ein einzelner Mönch hätte läuten können, weswegen die Münster der Zisterzienser auch keine großen Türme benötigten, sondern nur einen kleinen Dachreiter über der Vierung. Der heutige Dachreiter, der schon die Ausmaße eines Turmes hat, erreicht eine Höhe von 72 m und stammt in seiner Form aus dem 19. Jahrhundert. Unter dem Dach verbirgt sich eine große Stahlkonstruktion, die das Gewicht auf die Vierungspfeiler und die Seitenwände verteilt.

Die 1301 gegossene Glocke – zweitälteste von ganz Mecklenburg –  besitzt den Schlagton a’ und durch ihre relativ schwere Rippe ein Gewicht von 560 kg. In der Zier entspricht sie dem Anspruch an Bescheidenheit der Bernhardinischen Ordensregel. Sie trägt als Gliederung im Bereich der Schulter zwei Doppellinien, in der Höhe des Schlagrings nochmals eine Doppellinie. Die Inschrift ist in den Mantel geritzt worden. Die obere Zeile liegt zwischen den beiden Doppellinien, die zweite Zeile liegt unter dem unteren Linienpaar. Die Buchstaben sind lombardische Majuskeln und haben in ihrer Gesamtheit eine schöne, harmonische Form. Die Inschriften lauten:

+ IM JAHRE DES HERRN 1301 WURDE DIESE GLOCKE GEGOSSEN AM ERSTEN DEZEMBER +

+ UNTER DEM ABT HERRN JOHANNES VON ELBING +

Sehr ungewöhnlich ist, dass der Termin des Gusses auf den Tag genau in der umlaufenden Schrift erwähnt ist. Da die Vorbereitungen zu einem Glockenguß sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, kann man davon ausgehen, dass der Guß sorgfältig geplant war und am Ende ein festliches Zeremoniell vorgesehen war.

Nicht unerwähnt bleiben soll aber auch die zweite Glocke des Münsters, auch wenn diese keinen großen historischen und klanglichen Wert besitzt. Sie ist im Jahre 1960 aus Stahl gegossen worden und besitzt mit ihrem Schlagton fis’ ein Gewicht von 1150 kg. Ihre Inschrift trägt das Bibelwort:

ER IST UNSER FRIEDE

Trotz der nicht überragenden Qualität dieser Glocke, sollte man ihrem Klang dennoch lauschen und dabei bedenken, wer dafür gesorgt hat, dass sie beschafft werden konnte zu einer Zeit, als Menschen, die sich mit der Kirche verbunden fühlten zum Teil schwer zu kämpfen hatten unter einem von anderen Menschen geführten Regime, das ihnen nicht freundlich gesinnt war.