Gottlieb und Hugo Luther – Pioniere des neuzeitlichen Mühlenbaus

Gottlieb Luther
„Lutherwerke 1894“
Hugo Luther

von Michael Räbiger

 

Luther? Hugo Luther?? Gottlieb Luther??? Den meisten Einwohnern Braunschweigs und der Region dürften diese Namen nicht mehr viel bzw. gar nichts mehr sagen (außer vielleicht im Zusammenhang mit der „Hugo-Luther-Straße“). Ältere Mitbürger werden sich womöglich an die „Luther-Werke, Luther & Jordan“ erinnern, welche ab 1941 für die Rüstungsproduktion zuständig waren und nach dem Zweiten Weltkrieg (bis zum Konkurs 1979) hauptsächlich Nutzfahrzeuge, Industriemaschinen und Teile für die Bundeswehrausrüstung herstellten. Dass jedoch ein Vorgänger derselben – die „G. Luther, Maschinenfabrik und Mühlenbauanstalt Braunschweig“ – Ende des 19. Jhs. im Bereich des Mühlen- und Getreidespeicherbaus Weltruf genoss, ist eine Tatsache, an die dieser Artikel erinnern möchte. Die Geschichte des Unternehmens ist zudem eine Geschichte des persönlichen Erfolgs – dem des Firmengründers Gottlieb Luther und seines Sohnes Hugo. Diesem Gesichtspunkt soll im Folgenden spezielle Aufmerksamkeit gelten:

Christian Friedrich Gottlieb Luther wurde am 6. März 1813 als Sohn des Wassermüllers Johann Gottlieb Luther und der Dorothea Henriette Dohmeyer in Halberstadt geboren. Er war der Erbe eines alten Müllergeschlechts, welches (bis ins 16. Jh. nachweisbar) aus der Grafschaft Mansfeld stammte sowie seit dem 17. Jh. im Raum Helmstedt bezeugt ist. Nach der Konfirmation (1827?) begann er, bei seinem Vater, der die Amtsmühle Röderhof bei Halberstadt als Pächter betrieb, das Müllerhandwerk zu erlernen. Bei dieser Gelegenheit erhielt er erste Kenntnisse im Mühlenbau – sein Vater betrieb dies nebenberuflich –, denn ein Müller musste schließlich kleinere Reparaturen an seiner Arbeitsstätte selbstständig durchführen können. Die damals übliche Wanderschaft der Müllergesellen führte Gottlieb Luther 1833 nach Braunschweig, wo er bei Müllermeister Heinrich Rute auf der Wassermühle Rüningen Arbeit fand. Diese war mit vier Mahlgängen, einer Ölmühle sowie einem Sägewerk zu dieser Zeit eine der größten und modernsten im Herzogtum. Da es im Raum Halberstadt keine geregelte Ausbildungsverordnung für Müller gab, erhielt er erst am 24. Oktober 1835 mit der Aushändigung eines nachträglichen Lehrbriefes durch die Braunschweiger Müllergilde einen schriftlichen Nachweis seiner Ausbildung. Eine Meisterprüfung hat Luther nie absolviert.

1836 wechselte er zur erst vier Jahre zuvor eingerichteten Dampfmühle der Gebrüder Haase in Braunschweig. Nach einigen anderen deutschen Städten (u. a. Berlin und Magdeburg) hatte nun auch hier die Industrialisierung des Mahlhandwerks Einzug gehalten. Luther studierte die neuartigen Konstruktionen, verbesserte somit stetig sein Technikverständnis. 1841 erhielt er ein abschließendes Zeugnis, was nach seinen eigenen Angaben belegte,

„daß ich mich auch dem Studium der Mühlenbaukunst mit vielem Fleiße gewidmet habe und darin soweit vortschritt, daß ich selbständig mehrere zweckmäßige Einrichtungen an den Haaseschen Fabrikwerken treffen konnte [...].“ [Niedersächsisches Staatsarchiv Wolfenbüttel, Signatur: 4 Alt 18 Bd. 42 Klstr. Marienthal Paket 2172 B IV 2]

Er muss sich dazu höchstwahrscheinlich theoretisch weitergebildet haben. Nach der Bescheinigung seiner Gesellenzeit nannte sich Gottlieb Luther selbst „Mühlenbauer“ und blieb vorerst in Braunschweig.

Bekanntheit sollte er allerdings erst im Bau von Windmühlen erreichen: 1842 entstand für den Fabrikanten Willies eine Holländerwindmühle am „Schwarzen Kampe“, 1843 eine weitere in Eisenbüttel für die Braunschweiger Lohgerbergilde. Um 1845 fertigte er einen Galerieholländer für den Müllermeister Friedrich Bosse auf der Bremerhöhe vor Clausthal an. Mit diesen Projekten erwarb er sich Ansehen, bis ihm der Ruf eines „Mühlendoktors“ vorauseilte. Der steigende Windmühlenbedarf veranlasste ihn 1846, sich um die Konzession für eine Niederlassung als Mühlenbauer in Wolfenbüttel zu bemühen. Luthers Wahl fiel auf diesen Standort, weil er im Zentrum seines Kundenkreises und zudem am Kreuzungspunkt wichtiger Eisenbahnverbindungen in alle Himmelsrichtungen lag. Die Genehmigung wurde erteilt – noch im selben Jahr entstand im Hinterhof des Eckhauses Okerstraße 3 ein kleines Mühlenbaugeschäft. Einem Gesuch Gottlieb Luthers an den Wolfenbütteler Magistrat, eine private, nichtstaatliche Gießerei betreiben zu dürfen, wurde 1847 erst (mit Einschränkungen) statt gegeben, als er drohte, seinen Betrieb nach Oschersleben zu verlagern.

Die beengte Situation in der Okerstraße sowie das zunehmende Auftragsvolumen machten 1850 den Erwerb des über drei Morgen großen Grundstückes Schulwall 1 nötig, auf dem Luther 1852 mit seinem Partner Carl Peters die „Maschinenfabrik und Mühlenbauanstalt Luther & Peters“ eröffnete. Das Besondere an dieser Firma war, dass sie damals als erster Betrieb im Mühlenbau den Schritt von der kleineren Werkstatt hin zum ingenieurtechnisch-industriell planenden Großbetrieb vollzog: Die Fertigung war dampfmaschinenbetrieben, zum Sortiment gehörten Turbinen, Dampfmaschinen, Gussteile für Räderwerke, Wasserräder, Lager, stählerne Flügelwellen nebst deren Köpfen. Sogar die Arbeitsorganisation war schon höchst spezialisiert: Die Abteilungen der Fabrik gliederten sich in Dreherei, Schlosserei, Schmiede, Gießerei, Tischlerei, Sägerei, Dampfmaschine, Sozialraum, Montagehalle, Lagerräume und das technische Büro. 1864 umfasste die Belegschaft bereits 4 Techniker, 1 Magaziner, 11 Dreher, 10 Schmiede, 2 Buchhalter, 15 Schlosser, 6 Former, 28 Holzbearbeiter, 8 Lehrlinge und 9 Tagelöhner. Außer letzteren waren alle ca. 100 Mitarbeiter in einer autonomen Betriebskrankenkasse versichert. Jedoch forderte die Kreisdirektion Wolfenbüttel Luther auf, einige zu harte Regelungen bei Entlassung, Überstunden sowie Ersatz zerbrochenen Werkzeugs zu ändern. Da der Braunschweigische Staat ab 1858 sein Gießereimonopol aufzulösen begann – letztendlich sogar am 3. August 1864 die Gewerbefreiheit einführte –, richtete die Firma 1869 eine vollwertige eigene Gießerei ein, die sie von den Gussteilen der staatlichen Hüttenwerke im Harz unabhängig machte. Die Technik der meisten Mühlen in der Region zwischen Braunschweig und Hannover wurde in dieser Zeit teilweise oder ganz vom expandierenden Werk „Luther & Peters“ geliefert.

Am 1. April 1875 löste Gottlieb Luther den Gesellschaftervertrag mit Peters aus bisher unbekannten Gründen auf, verkaufte die Wolfenbütteler Fabrik an den Berliner Ingenieur Max Ehrhardt und eröffnete am 1. Juli mit seinem ältesten Sohn Hugo in gemieteten Räumen in der Braunschweiger Helenenstraße eine vorerst noch bescheidene Werkstatt. Der neue Name lautete „G. Luther, Maschinenfabrik und Mühlenbauanstalt“. Die Gründe für den Umzug in die Residenzstadt sind offenkundig: Wolfenbüttel war zu eng geworden. Braunschweig wurde jetzt immer besser in das Streckennetz der Eisenbahn integriert, während die Gründung des Deutschen Reiches 1871 zudem den Wegfall vieler zollpolitischer Barrieren bewirkt hatte. Für ein ständig wachsendes Unternehmen waren das denkbar günstige Bedingungen.

Die immer zahlreicheren Aufträge führten schließlich 1877 zum Kauf eines großen Grundstückes an der Frankfurter Straße, auf welchem (unter maßgeblicher Planung Hugo Luthers) 1878 mit 80 Mitarbeitern die neuen Produktionshallen in Betrieb genommen wurden. Nun zog sich der Vater aus gesundheitlichen Gründen aus der Firma zurück. Er kaufte am 20. September 1878 noch seine alte Lehrstätte, die Mühle Rüningen, zusammen mit 65 Morgen umliegenden Landes. Sieben Monate später, am 23. April 1879, starb Gottlieb Luther. Ein Echo darauf hat es in der näheren und weiteren Umgebung überraschenderweise nicht gegeben. Der Mann, der in Deutschland den Übergang des Mühlenbaus von der handwerklichen zur industriellen Fertigungsweise entscheidend mitgeprägt hatte, hinterließ seinem Sohn neben Vermögenswerten einen gut ausgebildeten Techniker- und Facharbeiterstab. Der Schritt in das Großmühlenzeitalter stand nun bevor.

Die in der Folgezeit erreichte Weltgeltung der Braunschweiger Mühlenbauindustrie steht mit der Person Hugo Luthers in unverkennbarem Zusammenhang: Am 18. November 1849 in Wolfenbüttel geboren, besuchte er das dortige Gymnasium und absolvierte ein dreijähriges Praktikum im väterlichen Betrieb. 1868-72 studierte er Maschinenbau in Zürich und München, arbeitete dann bis 1874 in der Wiener Maschinenfabrik „M. Schimmelbusch“ als Konstrukteur für Flussbagger, Schleusen und Kanäle. Nachdem er hier sogar mit der Leitung aller mechanischen Werkstätten betraut worden war, ging er nach Temesvar, um sich als Außenvertreter der Firma seines Vaters mit Flussregulierungen in Ungarn zu beschäftigen. 1875 rief ihn sein Vater zur Einrichtung des neuen, gemeinsamen Unternehmens nach Braunschweig zurück, dessen alleiniger Leiter er nach dem Tod des Seniorchefs 1879 wurde.

Der technische Wandel im Mühlenbau hatte Braunschweig inzwischen endgültig erreicht: Um 1870 nahmen hier die ersten Großmühlen den Betrieb auf. Der Walzenstuhl, der das Korn anstelle von Mühlsteinen mit Hartgusswalzen zerkleinerte, wurde 1874 in Ungarn zur Marktreife gebracht. Hugo Luther, der ein überaus einfallsreicher Ingenieur war, reagierte selbstverständlich auf diese Entwicklungen: Bis zum Jahr 1891 vergrößerte er das Braunschweiger Werk ständig, um dem wachsenden Kundenkreis sowie einem modernisierten Produktionsprogramm gerecht werden zu können. Er reiste zwecks Studiums der neuen Technik nach Österreich-Ungarn, übernahm dort 1883 die Vertretung des Budapester Maschinenbauunternehmens „Ganz & Co.“. Die nach dem Tod seines Vaters an eine Erbengemeinschaft gefallene Rüninger Mühle erwarb er 1884 mit Hilfe der Kaufleute Berkenbusch zurück, um auf dem Gelände eine Versuchsanlage für seine Maschinen einzurichten. Hier liefen die weltweit ersten industriell hergestellten Plansichter – eine Mehlsiebvorrichtung – nach dem Patent des Ungarn Carl Haggenmacher von 1888. Hier entstand 1893-95 die erste deutsche Großmühle, die ausschließlich mit (24!) Plansichtern arbeitete. Ihre Silos und Großbodenspeicher erwiesen sich ebenfalls als vorbildlich.

Daneben ging ab 1880 das Fabrikationssortiment vermehrt über den Kernbereich des Mühlenbaus hinaus: Großdampfmaschinen, Anlagen für Zementfabriken, Kräne, Apparate zur Kohleförderung, automatische Waagen konstruierte die Firma, die 1888 in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt wurde. Der Mitarbeiterstab war bis 1884 auf 20 Ingenieure und 244 Arbeiter angewachsen. Als Beispiel für die beachtliche Fähigkeit, selbst ganze Hafenanlagen mit modernen Getreidespeichersystemen (nach amerikanischem Vorbild) auszustatten, seien hier nur die Silobauten für die rumänischen Donauhäfen Galatz und Braila genannt: Nachdem die Luther-Werke 1887 den Liefervertrag für die gesamte Maschinenausrüstung beider Häfen unterzeichnet hatten, entstanden dort zwei Riesenanlagen von je 25000 t Fassungsvermögen für die rumänischen Staatsbahnen. Ober- und unterirdische Transportbänder, Reinigungsanlagen sowie fahrbare Kräne waren inklusive. Bis 1896 baute die Fabrik – neben ca. 1000(!) Getreidemühlen – mehr als 150 große Speicher, darunter (neben Rumänien) in Mannheim, Ludwigshafen, Genua, Odessa, im La-Plata-Hafen (Argentinien) etc. Auf internationalen Industrieausstellungen erhielten ihre Erzeugnisse zahlreiche Preise.

So bemerkenswert die Entwicklung der Firma Luther bisher verlaufen war, ein Einzelprojekt sollte ihr weltweite Beachtung sichern: Die Regulierung des unteren Donaulaufs von Stenka bis zum Eisernen Tor (bei Oršavá) auf einer Strecke von ca. 99 km. Seit der Antike war die Schiffbarmachung dieses Abschnittes ein ungelöstes Problem gewesen, erst im 19. Jh. versuchte man wieder, die 2 Mio. Kubikmeter gefährlichen Gesteins aus dem Strom zu räumen. Zu diesem Zweck gründete Luther zusammen mit seiner Hausbank, der Berliner „Disconto-Gesellschaft“, und dem ungarischen Baurat von Hajdu das Konsortium „Generalbauunternehmung für die Regulierung der Katarakte“, welches unter 19 Bewerbern den Zuschlag erhielt. Die Verwendung herkömmlicher Fallmeißel und Sprengmethoden versagte jedoch auf dem Balkan, bisherige Erfahrungen waren hier unbrauchbar. Luther ließ deshalb spezielle Fallmeißel, Bagger, Bohrmaschinen, Pumpwerke und Bohrschiffe in der heimatlichen Fabrik entwickeln, mit deren Hilfe das aussichtslos erscheinende Unternehmen schließlich gelang: Am 27. September 1896 erfolgte die Eröffnung des Eisernen-Tor-Kanals sowie sieben weiterer Schifffahrtsstraßen, nachdem von 1890-96 ca. 4000-9000 Mann an dem Großvorhaben (selbst nachts) gearbeitet hatten.

Der Erfolg hatte jedoch seinen Preis: Da der Geschäftsinhaber 1890-96 wichtigen Aufgaben überwiegend fern der Heimat nachging, stoppte die Expansion des Braunschweiger Stammwerks. Seine Hausbank entsandte wegen finanzieller Verluste bei den riskanten Millioneninvestitionen am Eisernen Tor den Ingenieur Albert Lemmer 1891 als persönlich haftenden Gesellschafter in die Firma. Dessen Verhältnis zu den langjährigen Mitarbeitern Luthers scheint nicht das beste gewesen zu sein: Im Jahr 1894 traten die Kommanditisten Ernst Amme, Carl Giesecke und Julius Konegen aus der Fabrik aus und gründeten 1895 die „Braunschweigische Mühlenbauanstalt Amme, Giesecke & Konegen“. Sie stellte schon bald eine ernste Konkurrenz dar, sollte ihren Konkurrenten bis 1908 sogar überflügeln. Vermutlich war es eine Reaktion auf diese Entwicklung, dass „G. Luther“ 1897 die „Maschinenfabrik und Mühlenbauanstalt“ der Gebrüder Seck in Darmstadt übernahm. Die Belegschaft war damit auf ca. 900 Arbeiter angewachsen. Auch private Krisen traten auf: 1895 starb Luthers Bruder Oskar bei der Explosion eines Getreidehebers im Hafen von Passau. Jener litt seit den Aufsehen erregenden Arbeiten in Ungarn verstärkt an einem Herzleiden, was ihn 1899 dazu zwang, sich von der Geschäftsleitung zurückzuziehen.

Trotz allem hatte er den Kernbereich seines Sortiments nicht aus den Augen verloren: In Rüningen beförderte er 1895 erstmalig in Deutschland Getreide mittels Druckluft in Rohren nach einem Patent des Engländers Frederick E. Duckham. Er verbesserte diese pneumatischen Elevatoren (= „Getreideheber“) kontinuierlich, so dass auf dem Gebiet der Getreidelöschung wesentliche Fortschritte erzielt werden konnten. Die erste pneumatische Förderanlage dieser Art auf dem europäischen Kontinent entstand 1896/97 für die Dampfmühlen im Hafen von Stettin – gebaut von Luther aus Braunschweig! Nach Hamburg und Bremen lieferte er sogar die ersten schwimmenden Elevatoren. Er verhalf (wie angedeutet) den Großspeichern auf der ganzen Welt zur allgemeinen Anerkennung. Sein Betrieb wurde nach den finanziellen Belastungen der Donauarbeiten 1898 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, eine Rechtsform, die die Kapitalbeschaffung erleichterte. Im selben Jahr wurden Luthers herausragende Konstrukteursleistungen mit der Grashof-Denkmünze des „Vereins Deutscher Ingenieure“ (VDI) gewürdigt. Das letzte Lebensjahr verbrachte er auf seinem Landsitz „Herzberghaus“ bei Goslar, wo er am 30. Juni 1901 starb.

Die weitere Unternehmensgeschichte bis 1945 sei kurz zusammengefasst: Bald nach der Jahrhundertwende eintretende Absatzprobleme machten eine Sanierung des Geschäfts nötig. Neue Produktlinien für Großgasmotoren und Erzscheider wurden eröffnet, die schon bestehenden Typen an Getreidehebern weiterentwickelt. Bis ca. 1914 war das Unternehmen, dem von 1907-12 Hugo Luthers Sohn Gerhard (*1883, †1923) als hervorragender Mühlenbaufachmann wesentlich weitergeholfen hatte, wieder konsolidiert. 1914/15 trat die „G. Luther AG“ zusammen mit den AGs „Amme, Giesecke & Konegen“, „Gebr. Seck“ (Dresden) und „Kapler“ (Berlin) der Interessengemeinschaft der führenden deutschen Mühlenbauanstalten bei. Im Ersten Weltkrieg produzierte sie – wie andere Maschinenfabriken – neben Granaten auch Sanitäts- und Munitionswagen. Die vier genannten Branchenführer gingen am 14. Dezember 1925 unter der Leitung der „Hugo Greffenius AG“ (Frankfurt/M.) in der neu gegründeten „Mühlenbau und Industrie AG“ (MIAG) auf. Ab 1930 erschütterten ein MIAG-interner Finanzskandal sowie der allgemeine damalige Konjunktureinbruch die Produktion in Braunschweig, die erst mit den Rüstungsprojekten der Nationalsozialisten wieder eine Scheinblüte erlebte. Im Zuge dieser Planungen fertigten die Luther-Werke vermehrt Flugzeuge und deren Teile an. Um den Anforderungen der Kriegswirtschaft gerecht werden zu können, wurden sie am 11. Juni 1941 aus der MIAG herausgelöst. Neben Stephan Luther (*1891), als Sohn Hugo Luthers ein Enkel des Gründers, arbeitete Walter Jordan in der Firmenleitung. Jener wurde im März 1944 bei der Fahrt in das Stammwerk durch einen Bombenangriff auf Braunschweig schwer verwundet und starb am 23. Oktober 1944 an den Folgen. Der Krieg zerstörte die Anlagen nahezu komplett.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass der Name Luther in der 2. Hälfte des 19. Jhs. untrennbar mit erstaunlichen Pionierleistungen in der Mühlen- und Getreidelagerungstechnik verbunden war. Gottlieb Luther hatte die Erfordernisse des industriellen Zeitalters erkannt, sich danach ausgerichtet und seinem begabten Sohn eine solide Basis für größere Aufgaben hinterlassen. Somit konnte die „G. Luther, Maschinenfabrik und Mühlenbauanstalt Braunschweig“ durch ihre Leistungen in der ganzen Welt hohes Ansehen gewinnen.

 

Quellenauswahl:

Arndt, C.: Die Silospeicher von Galatz und Braila. eingerichtet von G. Luther, Maschinenfabrik, Braunschweig, (Sonderdruck aus: Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure 36, 1892, S. 973) o. O. u. J. [Braunschweig ca. 1892].

Maschinenfabrik und Mühlenbauanstalt G. Luther (Hg.): Die Regulirung der Katarakte in der unteren Donau (Eisernes Thor), Braunschweig 1893.

Dies. (Hg.): 1846-1896. G. Luther Maschinenfabrik und Mühlenbauanstalt Braunschweig und Darmstadt, Braunschweig 1896.

Dies. (Hg.): Maschinenfabrik und Mühlenbauanstalt G. Luther Aktiengesellschaft Braunschweig: gegründet 1846. Zweigfabrik in Darmstadt, Braunschweig [1905].

 

Literaturauswahl:

Bühler GmbH (Hg.): MIAG Bühler 1846-1996. Chronik einer Maschinenfabrik von außergewöhnlicher Vielseitigkeit, Braunschweig 1996.

Dette, Joachim: „Gottlieb Luther. Begründer der Braunschweiger Mühlenbauindustrie“, in: Braunschweigische Heimat 72, 1986, S. 81-87.

Hagen, Rüdiger: Mühlenbau in und um Wolfenbüttel. Ein Streifzug durch die Entwicklungsgeschichte des Mühlenbaus in unserer Region, Wolfenbüttel 2005 (= Aktionsgemeinschaft Altstadt Wolfenbüttel e. V.: Spurensuche, Heft 4).

Luther, Stephan: Die Geschichte des Mühlenbaues, insbesondere die Entstehungsgeschichte des Großmühlenbaues in Braunschweig, (masch. schriftl.; Vortrag, Braunschweig 1931) o. O. u. J. [unveröffentlichtes Manuskript; Stadtarchiv Braunschweig, Signatur: H III 5:29]

Meller, Emil: „Aus der Geschichte des Getreidemühlenbaus“, in: Beiträge zur Geschichte der Technik und Industrie 20, 1930, S. 111-118.

Mende, Michael: Art. „Luther, Hugo“, in: Braunschweigisches Biographisches Lexikon. 19. und 20. Jahrhundert, Hannover 1996, S. 393-394.

Schimpf, Eckhard: Art. „Luther, Gottlieb“, in: Braunschweigisches Biographisches Lexikon. 19. und 20. Jahrhundert, Hannover 1996, S. 393.

Seherr-Thoß, Hans Christoph Graf von: Art. „Luther, Mühlenbauer, Maschinenfabrikanten. (ev.): 1) Gottlieb“, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 15, Berlin 1987, S. 542-543.

Ders.: Art. „Luther, Mühlenbauer, Maschinenfabrikanten. (ev.): 2) Hugo“, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 15, Berlin 1987, S. 543-544.

Tischert, Hans: 110 Jahre Luther-Werke Luther & Jordan Braunschweig, Berlin 1956 (= Stätten deutscher Arbeit, Bd. 6).

 

Abbildungsnachweis:

Abb. 1: Tischert: 110 Jahre Luther-Werke, S. 7.

Abb. 2: Internetportal Geschichte in Braunschweig e. V. (Hg.): „Lutherwerke/MIAG“, pentapolis.gibs.info/index.php.

Abb. 3: Tischert: 110 Jahre Luther-Werke, S. 9.