"Auf einmal biste mittendrin, die Bomben fallen rings herum..."

Bomber über Braunschweig

 

Über fünf Millionen Luftaufklärungsphotographien der britischen Royal Airforce (RAF) aus dem 2. Weltkrieg werden zur Zeit digitalisiert und auf der Seite http://www.evidenceincamera.co.uk der Öffentlichkeit zugängig gemacht. Darunter befinden sich auch Bilder von den Ruinen einer Stadt, die viele heutige Braunschweiger kaum mehr als ihre Heimatstadt wieder erkennen würden.

Fast 35% aller Wohnhäuser, 50% der Industrie und 60% der Kulturstätten fielen den 43 Bombardements (insgesamt wurde beinahe 900 Mal Fliegeralarm gegeben) in den letzten zweieinhalb Kriegsjahren zum Opfer.

Den schwersten Angriff erlebten die Braunschweiger in der Nacht zum 15. Oktober 1944. Zu diesem Zeitpunkt war die Stadt bereits durch beinahe tägliche Bombenangriffe gezeichnet, die sich weitgehend auf die Rüstungsbetriebe der Region und der städtischen Randbezirke konzentriert hatten. In dieser Nacht jedoch sollte das Antlitz Braunschweigs für immer verändert werden.

 

Als um 1.50 Uhr der Fliegeralarm ertönte, stürzten die Einwohner in die zahlreichen Luftschutzbunker in der Innenstadt. Den ausländischen Arbeitern wurde der Zutritt verwehrt. Gut eine halbe Stunde später war der Himmel von Bombern bedeckt, die ihre tödliche Fracht über der Stadt abwarfen. Innerhalb von 40 Minuten gingen 200.000 Brandbomben, sowie 12.000 Sprengbomben und Luftminen auf Braunschweig nieder und verwandelten die historische Innenstadt in ein flammendes Inferno. Die 48 Bereitschaftsfeuerwehren (immerhin rund 4800 Mann) waren machtlos. Die schmalen, verwinkelten Gassen mit ihren eng ineinander verschachtelten Fachwerkhäusern und die äußerst brennbare Bausubstanz machten es den Männern unmöglich, gegen die zahlreichen Brandherde anzukämpfen. Sie mussten tatenlos zusehen wie fast der gesamte historische Stadtkern mit seinen mittelalterlichen Bauten ein Raub der Flammen wurde. Einzig ein paar "Inseln", so zum Beispiel kleinere Bereiche des Magniviertels, überstanden die Nacht.

 

Die traurige Bilanz des 15. Oktobers: 561 Menschen, hauptsächlich Frauen, Kinder und alte Leute, ließen ihr Leben. Die Stadt glich einem Trümmerfeld. 90% der Innenstadt waren vernichtet, die Bewohner (ca. 80.000 Menschen) waren obdachlos und mussten in Sammellagern untergebracht werden.

 

Einzig den Luftschutzbunkern in der Innenstadt ist es zu verdanken, dass die Zahl der Todesopfer verhältnismäßig gering ausfiel. Die Menschen mussten in unerträglicher Hitze mehr als 24 Stunden lang ausharren, bis die Feuer so weit kontrolliert waren, dass ein Verlassen der Bunker möglich war. Doch sie überlebten das Bombardement, das die Gebäude über ihren Köpfen in Schutt und Asche gelegt hatte.

 

 

Zwei Sichtweisen auf den Angriff vom 15. Oktober 1944

 

Ein Wehrmachtsbericht

"Britische und nordamerikanische Bomber führten am Tage Terrorangriffe gegen Köln, Duisburg und Kaiserslautern und griffen weiter Orte im Rheinland und in Oberschlesien an. In der vergangenen Nacht warfen die Briten wahllos eine große Zahl von Spreng- und Brandbomben auf Wohngebiete der Städte Duisburg und Braunschweig. Tilsit, Hamburg und Berlin waren das Ziel weiterer nächtlicher Bombenangriffe. 50 feindliche Flugzeuge, darunter 40 viermotorige Bomber, wurden abgeschossen." (Quelle: Grote, Eckart: Target Brunswick 1943-1945, S.125.)

 

Ein Bericht der RAF

"Die Methode des Fächerangriffs (sector bombing), wie diese letzte Entwicklung bezeichnet wurde, wurde mit spektakulärem Erfolg gegen Braunschweig in der Nacht vom 14. zum 15. Oktober (1944) angewandt.

Dies war eine Stadt, die bisher allen Zerstörungsattacken der Group ["No. 5. Group" - Bomberstaffel der RAF, die den Angriff geflogen hatte] widerstanden hatte.[...]

 

In der Nacht vom 14. zum 15. Oktober (1944) wurden nahezu das gesamte Zentrum der Stadt Braunschweig und weitere ausgedehnte Bezirke der Stadt einschließlich des Hauptbahnhofes, sowie Flugzeug- und Maschinenfabriken zerstört.

Der Angriff wurde von 233 Lancaster der 5. Group durchgeführt, welche 847 Tonnen Bomben warfen. Das Wetter war klar." (Quelle: Grote, Eckart: Target Brunswick 1943-1945, S. 124-125.)

 

Eine weitere Sicht der Ereignisse finden sie im Interview mit Probst Jürgens über seine Erlebnisse in Braunschweig während des 2. Weltkriegs.

 

Wie sich einer der Autoren die Schrecken des Bombenkriegs vorstellt, können sie hier nachlesen.

 

 

 

Literatur zum Thema

- Braunschweiger Zeitung-Spezial Nr. 10 (2004): Die Bomben-Nacht. Der Luftkrieg vor 60 Jahren.

[reichhaltig bebildert, viele zeitgenössische Quellen, dazu Augenzeugenberichte, leider im typischen Stil der Braunschweiger Zeitung]

 

- Burgdorff, Stephan / Habbe, Christian (Hrsg.): Als Feuer vom Himmel fiel. Der Bombenkrieg in Deutschland. München, Hamburg 2003.

[guter Überblick über den Bombenkrieg über Deutschland, ausgezeichnete Bildquellen, Statistiken etc., dazu Augenzeugenberichte und Historikeranalysen, leider nur recht dürftiges Material zu Braunschweig]

 

- Grote, Eckart: Target Brunswick 1943-1945, Braunschweig 1994. [ausgezeichnete Quellen und Bilder, gut recherchiert]

 

- Starke, Günter K.P.: Das Inferno von Braunschweig, Cremlingen 1994. [detailliert, hervorragend bebildert, teilweise etwas reißerisch mit der Tendenz zur Legendenbildung, etwas einseitig]

 

- http://www.evidenceincamera.co.uk [leider noch ohne Suchkatalog (22.6.04)]